Kassenpause

24. Oktober 2006, 21:01
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D. dachte, sie hätte den Baumarktsamstag überstanden. Und war stolz, kein einziges Mal ans Amoklaufen gedacht zu haben

Es war am Samstag. Weil, sagt D., es sich bei ihr halt an keinem anderen Tag ausgeht. Und weil sie nicht der einzige Lohnsklave mit normalen Büroarbeitszeiten und anschließender Kinderbetreuungspflicht ist, habe sie ohnehin vorher gewusst, dass sie nicht die einzige sein würde, die da am Samstag durch den Baumarkt koffern würde.

D. brauchte nicht viel. Ein bisserl Gartenzeug halt. Schließlich habe sie eine Dachterrasse. Und manche Pflanzen muss man im Herbst eben winterfest machen muss. Aber daran denkt man ja im Frühjahr nicht. Sonst hätte D. das Pflanzeneinpackzeugs spätestens im Sommer gekauft.

Aufgeschoben

So aber habe sie den Baumarkt-Gartencenterbesuch Woche um Woche hinaus geschoben – bis sie sich diesen Samstag dann eben selbst in den Hintern getreten habe, erzählte D. Sie habe versucht, sich selbst zu hypnotisieren und sich einzureden, dass sie Samstagmittagbaumarktmassenaufläufe liebe. Und dass das alles gar nicht schrecklich sei. Dann habe sie sich ins Auto gesetzt und sei zu dem Baumarkt auf der Triester Straße gefahren

Natürlich war der Markt voll: Häuslbauer und Heimwerker, Schwarzarbeiter und Nachbarschaftshelfer – das übliche. Und Kohorten von Balkon- und Terrassengärtnern: Wintervorbereitung eben. Erstaunlicherweise – war das die Selbsthypnose?, fragte D. später sich und uns – war das gar nicht so unerträglich. Und der nette Baumarktgartenmensch erklärte ihr, dass sie den besten Frostschutz mit Schilfmatten erreichen würde. Die würden ihr gleich zugeschnitten werden: D. müsse nur an der Kasse bezahlen und könne die Ware dann abholen. Das koste keinen Cent mehr.

Fertigteilhäuser

An der Kasse war dann Schluss mit lustig: Die Leute, erzählte D., hatten nicht nur halbe Fertigteilhäuser in ihrer Wagerln gelegt, sondern großteils auch noch quengeldne Kinder an der Hand. Und natürlich war in jedem Einkaufswagen ein Trumm, bei dem entweder der Strichcode unleserlich war, oder aber der Kunde hatte gleich eine Reklamation anzubringen. Die Kassiererinnen, sagte D., hätten mehr Zeit am Backoffice-Telefon als an ihren Lesegräten verbracht. Und natürlich hatte sie, D., sich jene Schlange ausgesucht, in der es am langsamten weiterging und in der die mühsamsten Patienten anstanden.

25 Minuten – die Zeit, schwor D., habe sie mitgestoppt als sie aus ihrer Warteschlange heraus mehrfach mit ihrem Freund telefoniert habe und ihn quer durch einen Supermarkt und auf den Kinderspielplatz gelotst hätte – sei sie da gestanden. Und habe „ehrlich, ich war echt stolz auf mich“ (D.) kein einziges Mal daran gedacht, Amok zu laufen, einen Heulkrampf zu bekommen oder irgendwen zu würgen. Bis sie dann dran war. Und ihre zwei Blumendrahtrollen, eine Gartenschere und den Schilfmatten-Abholschein aufs Fließband legte. Besser: legen wollte.

Wie „zu?“ – Na zu-zu

Sie mache jetzt zu, erzählt D., habe da die Kassierin gesagt. Und die Wechselgeldlade aus der Verankerung gelöst (oder so was ähnliches Eindeutiges halt). Und sie, D., habe zunächst nicht begriffen: Wie „zu“, habe sie gefragt. Na zu-zu, sei als Antwort gekommen. Dabei sei die Kassenfrau schon halb im Aufstehen gewesen. Sie, D., aber, erzählte D., habe es nicht glauben wollen: Sie könne doch nicht die Kasse zusperren, bevor die Ablöse da sei – da müsse sie, die Kassiererin, eben ein bisserl warten. So wie die Kunden: Sie, D., habe jetzt auch 25 Minuten hier gestanden und hätte sich das eigentlich anders gewünscht. Aber so sei das eben.

Die Kassiererin wurde deutlich: Es käme keine Ablöse. Die Kassa werde jetzt geschlossen. Für länger. Weil jetzt erstens Mittagspause sei und sie zweitens auch schon dringend aufs Klo müsse. D. und – hier sei die Dame ein bisserl lauter geworden, damit es zumindest die ersten drei Einkaufswagerln hinter D. auch noch mitbekämen – alle anderen in der Schlange sollten sich, bitte, bei anderen Kassen anstellen. Sprach´s – und entfleuchte in ihre ohne Zweifel („das leugne ich ja gar nicht“, D.) hart und wohlverdiente Pause.

Murren

Was dann geschah, sagte D. uns später, sei ihr ein Rätsel: Die Meute habe zunächst zu murren begonnen. Daraus sei ein Wehklagen geworden. Aber die einzige Reaktion darauf sei ein kaum merkliches Kopfeinziehen der anderen Baumarktkassendamen gewesen – woraufhin die Revolution abgeblasen worden sei: Kleinlaut hätten sich die etwa zwölf Einkaufswagerlfamilienväter mit ihrer Ware zu den anderen Kassenschlangen begeben – und sich erneut angestellt. Ganz hinten.

Nur sie, sagte D., sei da noch an der verwaisten Kasse gestanden. Fassungslos. Dann sei die Wut gekommen: Sie habe Draht und Schere ins Wagerl zurückgelegt und sei auf den Parkplatz gerollt. Am Infoschalter und an einem – allem Anschein nach – Wachmann-Mitarbeiter vorbei. Eigentlich, erzählte D., hätte sie sich gewünscht, von irgendwem angesprochen oder aufgehalten zu werden. Dann wäre sie nämlich explodiert. Aber man habe ihr nur nachgeschaut. Keiner habe sich getraut, etwas zu sagen. Und das fände sie jetzt, im Nachhinein, irgendwie fast schade.

Trotzdem fürchte sie nun den nächsten Samstag: Sie müsse schließlich noch einmal zu einem Baumarkt fahren.

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