Dieselmotor im Spannungsfeld

29. Oktober 2006, 19:15
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Die Zukunft kann nur bringen, was entwickelt wird: Autozulieferer Bosch gewährt Einblick in eine Welt jenseits der Salon-Sensationen

Ein Autosalon funktioniert wie eine Modeschau. Trends werden mit großem Trara angekündigt. Alternative Antriebskonzepte sehen dabei oft aus, als stünden sie schon unmittelbar vor der Türe. Doch die Industrie verlässt sich eher auf die Prognosen der Internationalen Energie-Agentur (IEA, gehört zur OECD).

Und sind konservativ: So ist etwa Bosch zwar bei der Entwicklung von Hybridsystemen mit dabei, hochfliegende Erwartungen in den Kompliziert-Technologie-Markt setzt man aber nicht. Denn die Zahl der hergestellten Hybrid- und Gasfahrzeuge zusammen wird sich laut IEA bis 2014 nur um 22 Prozent erhöhen. Hybrid betrifft vor allem die stagnierenden amerikanischen und japanischen Märkte, mit extremen Erwartungen an Abgasqualität und Verbrauch.

Technologien bekannt

Dort, wo hohe Zuwachsraten zu erwarten sind - in den wirtschaftlichen Boomländern von Indien bis Fernost -, ist das alles viel zu kompliziert und teuer. Zum Spritsparen setzt man vor allem auf den Dieselmotor, der je nach länderspezifischen Anforderungen mit mehr oder weniger aufwändiger Abgasreinigung ausgestattet werden kann. Die Technologien sind ja bekannt: Die kommende Abgasnorm Euro 5 schafft man mit wartungsfreien Partikelfiltern. Wer in den USA Diesel-Pkws verkaufen will (Abgasvorschrift TIR 2 Bin 5), benötigt zusätzlich einen SCR-Kat, ein Reinigungssystem mit Harnstoffzugabe im Abgasstrang.

Auch wenn die motorische Verbrennung selbst immer weiter verbessert wurde: Ohne aufwändige Abgasreinigung geht es nicht, und von deren Preis ist auch der Erfolg am Markt abhängig. Gesamthaft rechnet man trotzdem mit einer Marktanteilsverschiebung vom Benzin-Pkw hin zum Diesel von 22 Prozent auf 31 Prozent weltweit bis 2014.

Klare Tendenzen

Dabei gibt es klare Tendenzen. So ist der Marktanteil der Dieselfahrzeuge in Europa unterschiedlich. Liegt er in Frankreich und Spanien bei rund 70 Prozent der Neuzulassungen, liegt er in Großbritannien bei 40 Prozent. Im Osten weit darunter. Österreich bildet mit 62 Prozent eine geografische Speerspitze in den Osten hinein.

Für Rumänien erwartet man sich schon kurzfristig einen deutlichen Zuwachs des Dieselanteils durch den dort produzierten Dacia Logan mit modernem Renault-Diesel. In Russland dürfte der Dieselmotor weiterhin kein Thema sein. Dort wird der Otto-Kraftstoff (im Unterschied zu Österreich) längerfristig billig bleiben, der Mehraufwand für Dieseltechnologie lohnt sich nicht.

Limits bremsen

Bremsend für den Dieselmarkt im Osten könnten sich auch die in den neuen EU-Ländern ab spätestens 2010 ebenso gültigen Euro-5-Limits auswirken. Für Billigautos ist der dafür notwendige Partikelfilter zu teuer, zumal diese Fahrzeuge auch als Benziner nicht besonders viel verbrauchen.

Zum Abschluss noch ein paar interessante Größen, was es im Detail heißt, wenn von geringem Dieselverbrauch gesprochen wird: Der Hub einer Piezo-Einspritzdüse (35 Mikrometer) beträgt ungefähr eine halbe Haaresbreite (80 Mikrometer). Ein Stecknadelkopf hat ein Volumen von 50 Kubikmillimeter. Die derzeit geringste mögliche Einspritzmenge ist ein mm3, also ein Fünfzigstel davon. Die derzeit sinnvollen maximalen Einspritzdrücke liegen zwischen 1600 und 2000 bar. Das ist, wie wenn Sie einen BMW X5 auf einem Finger balancieren. (Rudolf Skarics, AUTOMOBIL, 20.10.2006)

  • Diesel hat ein Preisproblem: Die Teile für Einspritzung und Abgasreinigung treiben den Preis des Motors in die Höhe, die Spritpreise strecken die Amortisationszeit.
    foto: bosch

    Diesel hat ein Preisproblem: Die Teile für Einspritzung und Abgasreinigung treiben den Preis des Motors in die Höhe, die Spritpreise strecken die Amortisationszeit.

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