Frauen pflegen Frauen

26. Juli 2007, 14:07
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Die Frage ist nur, ob sie das unbedankt und unbezahlt oder anerkannt tun

Natürlich gibt es sie, die aufopferungsvollen Schwiegertöchter, die den Beruf aufgeben, um neben halbwüchsigen Kindern den verwitweten Vater des Ehe-manns bis an sein Lebensende zu pflegen. So wie es Männer gibt, die nicht bloß als junge Kerle dreckige Socken und Heißhunger ins Hotel Mama bringen, sondern ihr als ältere Herren beistehen, wenn sie selbst bekocht, gefüttert, gewaschen und umgebettet werden muss. Aber sie sind Ausnahmen, nicht die Regel familiärer Pflegearrangements. Nicht, weil stille Helden des Alltags aussterben - 80 Prozent familiäre Pflege bezeugen das Gegenteil -, sondern weil meist und wohl noch auf Jahrzehnte Frauen Frauen pflegen.

68% der Pflegegeldbezieherinnen sind Frauen. Ab 50 lebt jede dritte Frau als Single. Der Frauen- und Witwenüberhang wächst mit dem Alter, mit 86 Jahren in Heimen ist er erdrückend. Daheim ge-pflegt und betreut werden von erwachsenen Kindern überwiegend Mütter (138.000) und Schwiegermütter (50.000), viel seltener Väter (40.000) und Schwiegerväter (14.600). Unbezahlte Arbeit zu pflegender Angehöriger durch die heilige "Familie" ist zu 71% weiblich; bezahlte durch Pflegehilfen zu 83%, durch Heimhilfen zu 99%, durch diplomierte Krankenschwestern zu 86% und durch Pflege-Leiterinnen gar zu 100 %.

Frauen pflegen Frauen, ob wir das wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob sie das freiwillig oder genötigt tun, unbedankt und unbezahlt, oder anerkannt und entlastet durch bezahlte Kräfte, die sie sich auch leisten können. Fällt also die Pflegemalai-se künftig noch mehr den Frauen in der Familie zu? Wohl nur, wenn die derzeit informelle Pflege durch professionelle, bezahlte Ost-Anbieterinnen zerstört wird, wie dies derzeit eine breite Anti-Ausländerinnen-Allianz in allen Parteien von ganz rechts bis "rinks" will. Denn die Pflegelücke bei Angehörigen wird größer. Junge Frauen werden in Zukunft nicht mehr so leicht ihren Beruf aufgeben, um Familienmitglieder zu pflegen. Es gibt zwar nicht weniger Hilfsbereitschaft als früher, aber erstens schmälere Kohorten (=weniger Frauen in Relation zu überlebenden Eltern); zweitens weniger Hausfrauen; drittens weniger räumliche Nähe und zeitliche Verfügbarkeit berufstätiger Frauen; und viertens die "Bohnenstangen"-Familien der Nach-Babyboomer - besondere Kennzeichen: mehr sehr alte Väter/Mütter als eigene Kinder, folglich unberechenbarere Betreuungspflichten.

Sollen Angehörige, wie heute gewünscht und von 96 % praktiziert, zu Hause und nicht in Altenheimen betreut werden, so können die Familien erwachsener Kinder nur durch Heimhilfen entlastet werden. Diese müssten eine breite Palette von Diensten bis hin zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung anbieten. Und zwar ausreichend, legal und auch für Normalverdiener leistbar. Derzeit sind das leider nur informelle Angebote, basierend auf Herkunftslandtarifen osteuropäischer Kleinstunternehmerinnen, auch aus Drittstaaten.

Erwerbsfreiheit gibt es aber offenbar eher für "Tänzerinnen" und Prostituierte. Wen kümmert es, dass wir Pflegekräfte statt Sex-Arbeiterinnen, Heimhilfen statt Zuhältern, Krankenschwestern statt Schleppern bräuchten. Bezeichnend, dass die - männlichen - Kunden von Huren anstandslos bedient werden, während die Bedürfnisse Pflegebedürftiger - überwiegend Frauen und deren Familien - ignoriert oder bedroht werden. Oder hat man schon jemals von "Amnestie", "Bedarfsprüfung", Strafen und ruinösen Klagen gegen Klienten Illegaler, oder von Berufsverbot und Ausweisung etwa ukrainischer "Tänzerinnen" gehört? (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe 23.10.2006)

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