Kopf des Tages: Matznetter - ein in roter Wolle gefärbter Zahlenfreak

30. Oktober 2006, 09:31
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Chancen auf Einzug in Finanzministerium schwinden

Lange Zeit galt Christoph Matznetter als unumstrittener Anwärter auf den Posten des Finanzministers, sollte die SPÖ wieder die Regierungsverantwortung übernehmen. Doch seit dem überaus zähen Beginn der Koalitionsverhandlungen und der vehementen VP-Forderung, wenn schon nicht den Kanzler, dann zumindest den Finanzminister zu stellen, schwinden die Chancen des gelernten Steuerberaters auf den Einzug in die Wiener Himmelpfortgasse. Hartnäckigen Gerüchten zufolge soll SP-Parteichef Alfred Gusenbauer einen der Volkspartei genehmen "bürgerlich-roten" Finanzexperten suchen und zum Wohle einer gro- ßen Koalition seinen Jugendfreund - wenn auch schweren Herzens - übergehen.

Dabei hat sich der am 8. Juni 1959 geborene Linke aus gutbürgerlichem Wiener Elternhaus seinen Ruf als schärfster Grasser-Kritiker, erfolgreicher Parteisanierer (seit 2000) und scharfzüngiger Finanzsprecher der SPÖ (seit 2002) hart erarbeitet. Wenn auch nicht alles gelang: Die Präsentation des SP-Wirtschaftsprogramms im Jahr 2004 kam zur Unzeit und wurde zum Rohrkrepierer. Seine polemischen Attacken gegen Noch-Finanzminister Karl-Heinz Grasser - "Ich werde den Luftikus entzaubern" - drängten ihn selbst immer mehr ins populistische Eck. So wurde er für die ÖVP, wo er bis zur Ausschlachtung der Grasser'schen Homepage-Affäre noch etliche Fans hatte, langsam aber sicher zum roten Tuch.

Seine politische Karriere begann Matznetter bereits in den später 70er-Jahren als AHS-Landesschulsprecher für Wien, Bundeskoordinator des SSZ (Sozialistisches Schülerzentrum; heute: Aktion kritischer Schülerinnen und Schüler) sowie als späterer Schülerreferent der Sozialistischen Jugend. Dort traf er auf Alfred Gusenbauer, Josef Cap und Doris Bures. Und dort entstanden die Freund- und Seilschaften, die bis heute halten. Sein Aktion "Latein - nein danke" erregte 1979 bundesweites Aufsehen.

Neben dem Studium der Politikwissenschaften begann er seine Laufbahn als Steuerberater. Den Doktortitel holte er erst 2002 nach. "Der junge Marxist wollte wissen, wo der Mehrwert verbucht wird", sagt er schmunzelnd. Dass dies im Bawag-Dickicht auch auf SP-Konten geschah, bestritt er konsequent wie erfolgreich.

Seit Juni 2005 ist "Herr Matzenetter", wie ihn ÖVPler lange absichtlich bezeichneten, auch Vizepräsident der Wirtschaftskammer. Er rächte sich und sprach von VP-Generalsekretär Reinhold "Lopotka".

Seine knappe Freizeit gehört ganz Ehefrau Gabi und den drei Kindern im Alter von drei, zwölf und 14 Jahren. Seine Zukunft umriss der Anhänger von Victor Adler und Bruno Kreisky einmal so: "Ich habe nur eine ,Karriereplanung' für die SPÖ: Wir müssen die Reformkraft der 70er-Jahre neu auf Schiene bringen." (Michael Bachner, DER STANDARD, Printausgabe 23.10.2006)

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    SPÖ-Budgetsprecher und Finanzverhandler Christoph Matznetter.

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