Kampf gegen die eigene Kopiermaschine: Starpianist Aimard im STANDARD-Interview

31. Oktober 2006, 13:27
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Aimard liefert zum Festival Wien Modern einen gewichtigen Beitrag: Der französische Pianist über Olivier Messiaen, Pierre Boulez und die Notwendigkeit der Veränderung



STANDARD: Wie würden Sie Ihre Musikphilosophie umreißen?

Pierre-Laurent Aimard: Mein Ziel ist es, Musik zu machen, nicht zu schockieren, nicht es um jeden Preis anders, sondern die Dinge lebendig zu machen. Wenn wir Mozart oder Beethoven so spielen, als ob wir es schon 20.000-mal gehört und gespielt haben, dann haben wir bereits verloren, dann ist es nur noch eine Kopiermaschine und hat nichts mehr mit der Fähigkeit des Menschen zu tun, jeden Tag einen neuen Blick zu haben, der uns eine Chance gibt, neu weiterzuleben. Wir müssen die Bereitschaft haben, uns infrage zu stellen, dann entdecken wir vielleicht eine neue Welt, eine neue Ästhetik. Dazu brauen wir immer wieder neue Haltungen – und das ist gesund!

STANDARD: Ihre frühe Laufbahn war von der engen Zusammenarbeit mit zwei der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts geprägt, Pierre Boulez und Olivier Messiaen.

Aimard: Als Klavierschüler von Messiaens Frau Yvonne Loriod am Pariser Konservatorium wurde ich mit 12 Jahren in seine Kompositionsklasse zu Analysen eingeladen. Messiaen wurde mein musikalischer Pate, für das Paar war ich wie ein Sohn. Ich bin mit ihm gereist, konnte seinen Proben zuhören und ihn an der Orgel spielen hören, vor allem auch improvisieren. Schön war in seiner Klasse, dass er wie im Leben war: still, beobachtend gegenüber Natur und Mensch.

STANDARD: Die Schwerpunkte seines Unterrichts?

Aimard: Wir haben Musik aus der ganzen Welt analysiert. Messiaen war sehr offen für alles, obwohl er manches auch nicht mochte – zum Beispiel Brahms, Bruckner oder Mahler. Auchmit der Zweiten Wiener Schule hat er sich kaum beschäftigt – aber die wurde im ganzen Konservatorium nicht sehr geliebt. Es wurde auch nicht gern gesehen, dass ich Schönberg-Liebhaber war, aber es wurde akzeptiert.Messiaen hat seine eigene Welt definiert, war aber voller Toleranz.

STANDARD: Mit 19 wurden Sie dann von Pierre Boulez in sein neu gegründetes Ensemble InterContemporain eingeladen…

Aimard: Ich war ein Boulez-Fanatiker, habe alles von ihm gelesen, seine Stücke für Prüfungen analysiert und natürlich gespielt. Ich fand seinen Mut, seinen Kampf phänomenal, mit ihm zu arbeiten war elektrisierend. Daneben war die Erfahrung in einer Gruppe et was, was ich brauchte, um kein einseitiger Solist zu werden. Und es gab jeden Tag neue Musik von der Wiener Schule über Messiaen, der ein Klassiker war, Carter, Birtwistle, ein bisschen Cage, aber auch viel spektrale Musik … Boulez war da überhaupt nicht begrenzt, das ist ganz falsch.

STANDARD: Boulez war also in seiner Haltung nicht so rigide, wie er lange Zeit galt?

Aimard: Nein, sein Image ist nicht so, wie er wirklich ist: Seine Flexibilität ist wunderbar. Er ist natürlich ein Kämpfer, geht sehr schnell vorwärts, aber dann korrigiert er auch manchmal seinen Kurs.

STANDARD: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben Sie sich neben der Neuen Musik immer schon auch mit dem traditionellen Repertoire beschäftigt. Wann hatten Sie damals dazu überhaupt Zeit?

Aimard: Beim Ensemble Inter- Contemporain habe ich einen Dreiviertel-Vertrag verhandelt; das war meine Bedingung, weil ich immer auch traditionelle Musik machen und Zeit für Studien haben wollte. Wie man damals schon als ganz junger Musiker in Solistenkarrieren getrieben wurde, fand ich gefährlich, absurd, ich wollte mich davor schützen. Ich wollte Zeit haben – für alles, was man im Leben machen möchte. Ich bin viel gereist, um Menschen zu treffen und habe auch Reisen ohne Konzerte unternommen.

STANDARD: Warum haben Sie sich erst mit über 40 auf die großen Konzertpodien gewagt?



Aimard: Ich wollte nicht zu früh einen Prozess einleiten, mehr in der Vitrine zu sein. Langsam sollte es gehen, ich wollte immer Zeit fürmich haben. Zum Glück hatte ich eine fantastische Agentin, die mich verstanden hat. Außerdem war für mich die zeitgenössische Musik früher eine unwiderstehliche Priorität, auch weil es so wenige gute Interpreten gab. Das musste ich einfach machen. Und ich glaube, wenn man sieht, dass man am Leben wirklich neuer, interessanter Werke teilgenommen hat, dann war das wirklich kein Fehler. Es war mir dabei immer wichtig, so früh wie möglich ein gutes Bild von einem Stück zu geben, weil es sonst viele Missverständnisse geben könnte – wie es mit Debussy passiert ist, da sind viele falsche Traditionen entstanden, da klingt Debussy wie eine Postkarte. Inzwischen hat sich aber bei der Neuen Musik vieles geändert – es gibt viele gute Interpreten und mehr Neugier, auch beim Publikum.

STANDARD: Was ist Ihr Konzept hinter ihrem bunten Konzerthauszyklus zwischen Mozart und dem 21. Jahrhundert?

Aimard: Dieses Programm ist in enger Verbindung mit dem Konzerthaus-Team entstanden. Es reflektiert meinen Wunsch, breit an die Musik heranzugehen. Nach vielen Gesprächen fanden wir es schön, das Programmmit Doppelkonzerten zu entwerfen. Es gibt nicht nur ein Konzept, aber es sind immer zwei unterschiedliche Abende, die miteinander spielen.

STANDARD: Es trifft sich gut, dass György Kurtág heuer Hauptkomponist vonWienModern ist.

Aimard: Ja, seine Sprüche des Péter Bornemisza, die ich im ersten Konzert mit der Sopranistin Elena Vassilieva mache, sind ein absolutes rares Kunstwerk. Im Orchesterkonzert haben wir dann mit Bartók, Kurtág und Eötvös drei Ungarn aus verschiedenen Generationen. (Interview: Daniel Ender , DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2006)

Zur Person
1957 in Lyon geboren, wurde Pierre-Laurent Aimard bereits als 12-Jähriger am Konservatorium Paris zugelassen. 1973 gewann er den 1. Preis beim Messiaen- Wettbewerb, später wurde er Mitglied des Ensemble InterContemporain und ein gefeierter Interpret für Neue Musik.
Mittlerweile hat er sich auch im Bereich der Tradition (zusammen mit Nikolaus Harnoncourt) etabliert.
Bei Wien Modern (ab 29. Oktober): 23. 11. und 24. 11. mit dem RSO-Wien.

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Wien Modern
  • Pianist
Pierre-
Laurent
Aimard: "Wir
brauchen
immer
wieder neue
Haltungen –
und das ist
gesund!"
    foto: standard/urban

    Pianist Pierre- Laurent Aimard: "Wir brauchen immer wieder neue Haltungen – und das ist gesund!"

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