No Sex in the City - Von Christian Lürzer

25. Oktober 2006, 19:08
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Schaut man sich das Palmers-Plakat an, sieht man zwar fast nackte Mädchen, aber keine Erotik - Wie Werbung nicht sein sollte, Teil 1

Es gab Zeiten, in denen wir Wiener über die New Yorker die Nase rümpften und uns dachten: "Was wisst ihr denn schon über Sex in the City? Ihr habt doch gar keine Palmers-Plakate!"

Damit ist es jetzt vorbei. Schaut man sich das aktuelle Palmers-Plakat an, sieht man zwar fast nackte Mädchen, aber keine Erotik. Ich behaupte, Schuld daran, ist eine Orgie, an der die Models kurz vor dem Entstehen des Bildes teilgenommen haben – eine Retusche-Orgie. Beine wurden verlängert, Hintern in Form gebracht, Haut geglättet, farblich angepasst und, und, und. Das Ergebnis: Jeder menschliche Makel wurde herausretuschiert und damit auch das Leben. Was übrig bleibt, ist die Erotik von Barbie-Puppen. Das gleiche gilt für die meisten Anzeigen für Haute Couture-Marken. Der Bezug zur Realität fehlt.

Doch wie kann das sein? Ist es nicht Sinn und Zweck der Werbung, eine Welt vorzugaukeln, in der alles perfekt ist? Ich behaupte: Perfektion ist langweilig.

Die wahre Perfektion liegt darin, Fehler zu haben. Natürlich muss man in der Paintbox nachhelfen. Aber nicht jede Pore muss der anderen gleichen, nicht alle Lippen müssen pseudosinnlich wirken, nicht jedes natürliche Farbpigment muss entfernt werden. Man denke an Cindy Crawfords Leberfleck. Bevor sie erfolgreich war, haben "Perfektionisten" ihr geraten, den kleinen Makel entfernen zu lassen. Ob Angst vor einem chirurgischen Eingriff oder Charakterstärke sie davon abgehalten haben, sei dahin gestellt. Tatsache ist, dass gerade ihr Leberfleck sie so erfolgreich gemacht hat, dass sich Teenagerinnen reihenweise einen Schönheitsfleck über die Lippe malten.

Das soll natürlich nicht heißen, dass es werbetechnisch ratsam wäre, Damen mit Achselhaaren auf Plakaten abzubilden. Auch bin ich mir nicht sicher, ob der Dove-Ansatz mit übergewichtigen Frauen in Unterwäsche gut ist, denn die Realität ist ebenso langweilig wie die Perfektion. Es ist wahrscheinlich mehr das gesellschaftliche Thema, mit dem die Dove-Kampagne Aufmerksamkeit erregt, für ein positives Image sorgt und Markenbekanntheit schafft. Aber Kampagnen wie die für ONE (Fotograf Wolfgang Zajc) zeigen, dass auch ohne Models und Retusche-Orgien sehenswerte Bilder entstehen können. Hier werden auf der Straße echte Menschen gesucht und gefunden. Und siehe da: die Fotos sind besser als all die Prada- oder Gucci-Anzeigen in der Vouge. Weil sie echt sind.

Ich denke, auch Palmers wird sich wieder auf alte Werte zurückbesinnen und einen Fotografen wählen, der was auf seine Kunst hält und nicht auf Retusche schwört. Vielleicht gibt es dann wieder mehr Sex in the Wiener City.

Zur Person
Christian Lürzer ist Creative Supervisor bei Wunderman Frankfurt, zuvor war er CD bei Euro RSCG Vienna.

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  • Christian Lürzer, Creative Supervisor bei Wunderman Frankfurt
    foto: lürzer

    Christian Lürzer, Creative Supervisor bei Wunderman Frankfurt

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