Der Eisblock

21. Oktober 2006, 16:03
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Wenn die Latte schon zu hoch liegt, bleibt fast alles "nothing special": Viennale-Blog Tag 8 von Christoph Schwarz

Christoph Schwarz (Sa., 21.10., 02:12)

Foto: Viennale
"Montag kommen die Fenster" (D/2005)
Wenn man jeden Tag 4 Filme schaut, wird man kritischer als man vielleicht sonst ist – das konnte ich gestern an mir beobachten: Gol ya Puch ist ein eigentlich amüsanter Film aus dem Iran, in dessen Mittelpunkt Navid, ein junger Lehrer für persische Literatur steht. Er verlässt seine Heimat und bemüht sich in einem kleinen Ort um eine Anstellung als Lehrer, die dortige Schulbehörde verlangt aber immer neue Bescheinigungen, so dass Navid auch anderen Gelegenheitsarbeiten nachgehen muss und dabei grandios scheitert. Dem Film fehlt es nicht an Komik, der Protagonist gewinnt durch eine bewundernswert klare und zielstrebige Einstellung in den existentziellen Fragen seines Lebens die Zuseher für sich. Eigentlich ganz nett, aber: nothing special.

Vielleicht lag aber die Latte schon zu hoch: Davor lief nämlich im Künstlerhaus Montag kommen die Fenster, ein Eisblock von einem Film. Nina und Frieder sitzen fest in einer kleinstädtischen Familienfalle, sie arbeitet im Krankenhaus, er kümmert sich um Tochter Charlotte, gemeinsam wird in jeder freien Minute das neue Haus renoviert. Ohne Fenster ist es also kalt, es herrscht eine latent aggressive, angespannte Atmosphäre, man erwartet mit jeder Sekunde die Eskalation: Nina steigt ins Auto und fährt weg, verbringt 3 Tage im elterlichen Ferienhaus, schlendert gedankenverloren durch eine depressive Nadelwaldgegend und macht in einem Tennishotel die Bekanntschaft mit David Hase, gespielt von Ilie Nastase.

Auch wenn nichts weiter passiert, hat man das Gefühl, dass Nina mit ihrer nicht kalkulierbaren Handlung ihrem Mittelstand-Familienglück Schaden zufügt, und gleichzeitig sympathisiert man mit ihr. Befreiend dann einer der wenigen längeren Dialoge zwischen den beiden, Frieder fragt, ob er Nina langweilt, ihr 'Ja' kommt postwendend und spricht endlich klar etwas an. Der für mich fesselnste Film der Jury Auswahl bis jetzt.

Sehr sympathisch präsentiert sich Ulrich Köhler dann beim anschließenden Publikumsgespräch. "Filmemacher schreiben Filme, um diese zu machen" ist seine Erklärung, warum er sich beim Dialoge schreiben nicht so wohl fühlt, und warum von ihm am Dreh mehr und mehr Dialoge gestrichen werden. Jaja, wer so starke Filme macht kann ruhig ehrlich sein. Es gibt aber auch ein Leben neben der Viennale: Meine Freundin guckt gerade Vertical Limits, wo Männer in Gletscherspalten herumschwingen und Frauen kreischen. Der Soundtrack erinnert mich an Bobby."

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