Gracht mit den Nachbarn

30. Oktober 2006, 17:00
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Hinter den Fassaden der ehemaligen Arbeiterviertel Jordaan und de Pijp scheint sich vor allem eines zu verbergen: intakte "Neighbourhoods"

Das Jordaan-Viertel hat sich gut gehalten, seit dem letzten Besuch, der 15 Jahre zurückliegt. Schon damals ist man dem Charme der schrägen Gassen mit ihrer leichtfüßigen Atmosphäre erlegen, die ja Amsterdam ganz allgemein nachgesagt wird und die dieses Viertel speziell ausstrahlt. Jordaan ist mit seinem lieblichen Zuckergussauftritt der romantische Flanierbezirk. Heute wie damals sind Geschäfte und Lokale klein, heimelig und todschick, inklusive der endlosen Schanigärten direkt an der Gracht.

Aber Amsterdam besteht nun einmal nicht nur aus Rotlichtbezirk, Anne-Frank- Huis und historischem Zentrum mit viel Wasser und den schmalen, manchmal bedenklich schiefen Häusern, von denen man bald einmal, egal ob dort gewesen oder nicht, eine gewisse Vorstellung hat. Mit der Straßenbahn Nr. 14 in Richtung Süden kommt man direkt außerhalb der letzten Pracht-Gracht der Innenstadt nach de Pijp, in eine Gegend, die als jüngere, wildere, noch nicht ganz so yuppiehaft etablierte Ausgabe des Jordaan-Viertels gilt und Besuchern, die nicht ausschließlich auf Grachten-Romantik fixiert sind, einiges zu bieten hat.

Freudenmixtur

Das Viertel ist ein bunter Mix, sowohl was die Bewohner als auch das Stadtbild betrifft: eine lebendige Nachbarschaft vom Gemüsehändler bis zum türkischen Supermarkt, ohne die touristisch herausgeputzten Häuser, mit nicht viel weniger Cafés und Bars als in der Innenstadt bis zum kleinen Sexshop "around the corner", wo man Utensilien für Freuden aller Art erstehen kann, sollte man sie rasch einmal brauchen.

Der Erhalt dieser lebendigen "Neigbourhood" ist - aller Hipness zum Trotz - auch im Jordaan gelungen und macht es hoch sympathisch. Obwohl es jedem Amsterdam-Reisenden ans Herz gelegt wird, genau dort den "weltoffenen Geist der Stadt" aufzusaugen, scheint sich das Grätzel doch so etwas wie Eigenleben bewahrt zu haben, was nicht jeder romantische Vorzeige-Stadtteil von sich behaupten kann. Ein Mann mit etwas exaltierter Kopfbedeckung scheint sein Viertel jedenfalls tatsächlich zum Leben zu benützen. Man begegnet ihm in den wenigen Tagen des Besuchs zu unterschiedlichsten Tageszeiten in verschiedenen Lokalen, er scheint auch die jeweilige Belegschaft sehr gut zu kennen. Viele Leute sitzen auch gegen Abend auf den Treppen ihrer Häuser, Bier trinkend und/oder Zeitung lesend. So auch er. Kleine Nahversorgergeschäfte behaupten sich neben all den Antik- Shops und Galerien. Und wie es sich für ein Bobo-Viertel gehört, ist der Grad der Durchdringung mit Bio-Läden äußerst hoch.

Die ältestes Bausubstanz im Jordaan stammt aus dem 17. Jahrhundert, als man Arbeiter sowie religiöse Minderheiten wie Juden oder Hugenotten dort ansiedelte. Auch geruchlich unliebsame Handwerksbetriebe wie Gerbereien wurden dort untergebracht. Der Grad der Yuppiesierung ist heute hoch, was man unter anderem an den Türschildern der Internetfirmen und Trusts ablesen kann. Auch die Wohnungspreise hätten sich der Nachfrage angepasst, wie man hört. Dass sich Jordaan dennoch nicht in ein Museum verwandelt hat, sondern ein Viertel geblieben ist, in dem gelebt wird, spricht für die Bodenständigkeit und den Pragmatismus der Bewohner.

Vom Markt zum Bazar

Märkte sind in beiden Vierteln ein Thema. Ein attraktiver Bio-Markt findet jeden Samstag am Platz bei der Noorderkerk statt, Noordermarkt bietet Secondhandkleidung. Der in der Albert-Cuyp-Straat in de Pijp ist fast einen Kilometer lang und etwas mehr "basic": mit Gemüse, Fisch, Fleisch oder Gewürzen und Weltweit-günstigst-telefonieren-Shops bis hin zu bunten Stoffen, T-Shirts oder Kurzwaren. Ein zentraler Anlaufpunkt ist der "Bazar", eine ehemalige Kirche, die in ein Speiselokal umgewandelt wurde (vergl. Tipp). Die flippigste Konditorei "De taart van m'n tante" mit bunt zusammengewürfeltem Mobiliar und ebensolchen Torten fin-det man in der Ferdinand Bolstraat, hinter der Heineken- Brauerei, die am Rande des Viertels an der Singlegracht liegt - auch sie ein Zeichen der funktionierenden Nachbarschaft, kommt sie doch wie ein verlängertes Wohnzimmer daher. Die Straßen im Viertel sind voll mit auffallend vielen Broodjes-Läden, die Spezialitäten aus den Ländern der Bewohner des Viertels anbieten, und in denen man sich ohne Niederbruch des Reisebudgets versorgen kann.

Die vielfältige kulinarische Szene, die von den Zuwanderern aus Surinam und anderen südostasiatischen Staaten dominiert wird, ist auch im "Iens Independent Index 2006" (www.iens.nl) dokumentiert, einem Restaurantführer, der deutlich macht, dass de Pijp für ein Arbeiter- und Studentenviertel sehr häufig in den Best-of-Listen vertreten ist.

Die Häuser des Viertels wurden großteils Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und erinnern in ihrer Gleichförmigkeit an jene Londoner Straßen, in denen sich die Gebäude vor allem durch die Blumen in den Vorgärten unterscheiden. De Pijp war - wie auch Jordaan zwei Jahrhunderte früher - ein Arbeiterbezirk, in dem sich bis heute Zuwanderer aus unterschiedlichsten Ländern ansiedeln, was bis heute ein buntes Völkchen ergibt. Später wurde das Viertel von Schriftstellern und Malern entdeckt, Piet Mondrian wohnte in der Ruysdaelkade. Günstige Preise für kleine Wohnungen ziehen heute viele Studenten an, was aus de Pijp so etwas wie ein Intellektuellenviertel macht, das dazu den Vorteil einer einigermaßen zentralen Lage hat.

In de Pijp sind "Fremde" noch derart selten, dass einem sofort Hilfe angeboten wird - egal, ob man nun suchenden Blicks durch die Straßen geht oder neugierig durchs Fenster einer Souterrain-Wohnung schaut, die zum Verkauf ausgeschrieben ist. Offensichtlich glaubt man im Viertel, es könne sich nur um den neuen Nachbarn handeln. (Luzia Schrampf/Der Standard/ Printausgabe/21./22.10.2006)

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    foto: fotodisc
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