Mädeln und andere Geschmackssachen

31. Oktober 2006, 12:42
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Am 21. Oktober vor 75 Jahren ist Arthur Schnitzler gestorben - Von Reinhard Urbach

Wo ist mein Schnitzler?", schrieb eine ungeduldige Besucherin einige Tage vor der Eröffnung der Schnitzler-Ausstellung ins Gästebuch des Österreichischen Theatermuseums. Der Satz lädt zum Fragen ein. Was erwartet ein Wiener, eine Wienerin von "ihrem" Schnitzler?

Das Innige, Liebliche, Schwingende, Zwischentönende? Das Sentimentale, Elegische, Traumhafte? Das Traurige, Tränenrührende, Todesselige? Stattdessen wird in der Ausstellung das Erotische bis über die Schmerzgrenze hinaus präsentiert (die Zwangsläufigkeit der Ansteckungsgefahr im Ablauf des Reigen); die Selbstmordgedanken des Leutnants Gustl und des Fräuleins Else wurden in zeittypischen Reglementierungen und Trivialitäten verankert, beide geeignet, das Subjekt zu entindividualisieren. Das alles ist typisch für Schnitzler, aber eben entsentimentalisiert.

Schnitzler-Bilder

Jedem sei sein Schnitzler-Bild unbenommen, aber nicht jeder bildet es sich selbst. Es gibt Grundpfeiler der Übereinstimmung. Klischees und Phrasen sind Zeichen der Popularität, die offenbar in dem Maße steigt, wie die Detailkenntnis abnimmt. Schnitzlers "Botschaft" wird gemeinhin durch zwei Zitate markiert: "Die Seele ist ein weites Land" und "Sicherheit ist nirgends". Beide Maximen sagt Schnitzler nicht selbst, sondern lässt sie zwei seiner Figuren sprechen, den Hoteldirektor in Das weite Land und den Seelenarzt in Paracelsus. Sie meinen: Alles ist möglich, nichts ist beständig. Eine Wetterfahnenideologie.

Der eine begründet damit seine Promiskuität, ohne sie zu entschuldigen. Er macht ein Bonmot aus seiner Befindlichkeit und bringt den psychischen Tatbestand in den gesellschaftlichen Smalltalk ein. Der andere dekretiert als Puppenspieler, der mit Menschen spielt, seine Manipulationstätigkeit mithilfe der Hypnose als Befreiung von Integrität und Identität. Zudem erweitert Paracelsus seine prä-impressionistische Einsicht in die Fluktuation aller Werte und Normen zur wissenstheoretischen Qualifikation: "Wer es weiß, ist klug."

Utopie des freien Willens

Schnitzler hat zeitlebens diese Umwertung der Werte wie Treue und Selbstbehauptung in fließende, bodenlose psychische Ströme abzuwehren versucht. Dem Determinismus, der anthropologischen Fixierung und genetischen Charakterologie hat er die Utopie des freien Willens entgegengesetzt. Notwendig, wenn auch vergeblich. Der Mensch kann seine schicksalhafte Bestimmung nicht aufheben. Man kann sich nicht ändern, auch wenn man um sich weiß, und auch, wenn man es will.

Absolution nach Analyse und Beichte gibt es nicht. Schnitzler, der sehr wohl um seine eigenen Gefährdungen wusste, hat die moralische Grenze zwischen "Gut" und "Böse" streng gezogen. Man kann es nicht oft genug betonen: Er war nicht der Doppelgänger Freuds. Er war kein Psychoanalytiker, der sich mit der Erforschung der Abgründe und der Bodenlosigkeit in der menschlichen Seele und ihren Verflechtungen mit anderen begnügte. Seine Beobachtungen und Einsichten waren nicht Selbstzweck, sondern von der ohnmächtigen Abwehr seines ethischen Fatalismus gezeichnet.

Wer also leichtfertig und erkenntnisinnig die Behauptungen seiner Figuren im Munde führt und damit die Irrläufe der eigenen Seele als zwangsläufig unverantwortbar absichern will, gerät in die Falle der Moraltheorie Schnitzlers. Nicht jeder ist zur schiefen Ebene des "Laissez faire" und der Unverbindlichkeit disponiert. Wer sie für sich in Anspruch nimmt und Schnitzler dafür zum Kronzeugen aufruft, ist ihm auf den Leim gegangen.

Das süße Mädel

Ähnlich steht es mit einer literarischen Figur, die Schnitzler unauslöschlich in die Typologie eingeschrieben hat: dem süßen Mädel. Er hat es nicht erfunden, nicht einmal als Erster so benannt. Sigmund Freud zum Beispiel schreibt in frühen Brautbriefen in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts seinem "süßen Mädchen", "süßen Weibchen", "süßen Prinzeßchen".

Wenn man sich die Bezeichnung etwas näher ansieht, mag sie zwar immer noch zur Identifizierung einladen, aber doch in eingeschränkter Weise. "Das süße Mädel" bezieht seine erotische Brauchbarkeit aus der liebenden Annäherung über den Geschmack, nicht über Anblick oder Anmut. "Das süße Mädel" definiert sich einzig über Jugend und Schmackhaftigkeit ohne Bitterkeit. Man(n) vernascht es, lässt es sich auf der Zunge zergehen. Es zeigt sich, nach allerlei Ziererei, mit ein paar Vor-, aber nie Einwänden zur sexuellen Verständigung bereit, ist willig, wenn auch nicht immer willfährig. Es gibt lebenslustige und lebenstraurige, empfindsame und illusionslose Exemplare dieser appetitlichen Spezies. "Das süße Mädel" kann alles sein, sogar eigenwillig, nur eines nicht, ein denkendes Wesen. "Wie blöd! Göttlich . . ." befindet der "Dichter" im Reigen. Die Herren halten es gern für ihr "Geschöpf", das formbar ist, das zur Verfügung steht, ohne Ansprüche an die Dauerhaftigkeit einer Beziehung zu stellen.

Auch hier wieder die Falle, die das Klischee bereithält: "Das süße Mädel" steht immer auf einer tieferen Stufe in der hierarchischen Beziehung, ist immer abhängig, nie ebenbürtig oder gar emanzipiert. Es ist leicht abzufertigen. Wenn eine junge Frau das nicht akzeptiert, geht sie zugrunde (Liebelei). Wenn sie selbständig und dominant wird, bricht die (Männer)welt zusammen (Spiel im Morgengrauen).

Auserwählter

Obwohl wir immer mehr von der Jahrhundertwende um 1900 zu wissen glauben, schrumpft uns die Fülle der Repräsentanten auf einige wenige zusammen. Und auch die werden reduziert auf ein paar Jahre rund um 1900. Arthur Schnitzler gehört zu den Auserwählten. Als 1987 seines Geburtstages vor 125 Jahren mit einer Briefmarke gedacht wurde, zwängte die Post ein Altersporträt von 1930 in einen Jugendstilrahmen.

In Wahrheit aber hat Arthur Schnitzler die Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts und die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts reflektierend und produzierend begleitet, hat circa 50 Jahre lang tagtäglich aufgezeichnet, wer und was ihm begegnet ist. Das Tagebuch ist eine Fundgrube von Namen und Fakten, die ihresgleichen sucht und von ihm selbst - in einer gewissen Selbstüberschätzung - als sein Hauptwerk bezeichnet wurde; Selbstüberschätzung deshalb, weil uns heute als Röntgenbild, als Gerippe vorkommt, was nur in Schnitzlers Erinnerung Fleisch ansetzen und lebendige Vergangenheit evozieren konnte.

Mehr als seine auf Wien konzentrierte Biografie ist uns aber sein Werk wert. Es ist so vielfältig, dass sich jeder "seinen" Schnitzler herausklauben kann. Den der Fallstudien und Chroniken in absteigender Linie. Den Betrachter der Lebensgierigen und Liebestollen, oder den der Verhärmten und Zögerlichen.

Den Darsteller von Einzelschicksalen oder den Gestalter großer Gesellschaftspanoramen; in seinen besten Jahren - zwischen 1908 und 1912 - schrieb er, dem man vielfach die große Form nicht zugetraut hatte, figurenreiche Rundblicke der Wiener Gesellschaft, den Roman Der Weg ins Freie; die Historie über den Jungen Medardus, eine Art politisch unkorrekten Selbstmordattentäter aus der Zeit der napoleonischen Besetzung Wiens - es wurde sein größter Burgtheatererfolg, bald auch einer der großen Stummfilme der Sascha-Film; Das weite Land als Tragikomödie der ehelichen Revanche; Professor Bernhardi als Komödie über die zeitweilig denkbare Niederlage des Antisemitismus in Wien.

Aphoristik

Zu entdecken ist der politische Aphoristiker: "Sie schließen sich keiner Partei an? - Nein. Ich will das Recht behalten, alle Lumpen verachten zu dürfen, und vor allem die, die meiner Ansicht sind." Oder der optimistische Theoretiker: "Dem Terrorismus wird eine rohe Überlegenheit für eine Weile immer gewiss sein, niemals der Sieg, der am Ende doch nur vom Geiste errungen werden kann."

Oder der Theologe: "Dass wir einen Gott ahnen, ist nur ein unzulänglicher Beweis für sein Dasein. Ein stärkerer ist, dass wir fähig sind, an ihm zu zweifeln." Oder der Erfinder von aberhundert Figuren und Situationen, die er nicht ausgeführt, aber in ihrer Knappheit zu gültigen, kleinen Kunsttropfen geformt hat: "Ein Mädchen kommt unschuldigerweise durch ihr loses Wesen in einen sehr schlechten Ruf. Wie sie sich nun einem hingibt und ein stilleres Wesen bekommt, bessert sich ihr Ruf." Oder der kritische Diskursverweigerer: "Nur still geschwiegen, Autor - und keine Erwiderung! Die einzige, die du allen Angriffen entgegenstellen darfst, hast du schon vorweggenommen: - dein Werk. Wenn es dauert, hast du recht behalten." (DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

Die Werke Schnitzlers sind - auch in preiswerten Taschenbuchausgaben - vor allem bei Reclam und im Fischer Verlag greifbar. Soeben erschien im Brandstätter Verlag der interessante von Evelyne Polt-Heinzl und Gisela Steinlechner herausgegebene Begleitband zur Ausstellung "Arthur Schnitzler - Affairen und Affekte" (vom 12. 10. 2006 bis zum 12. 1. 2007 im österreichischen Theatermuseum).
Zum Autor
Reinhard Urbach, geboren 1939 in Weimar, lebt seit 1964 in Wien. Er war u.a. wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Literaturreferent im Kulturamt der Stadt Wien, Leiter der Dramaturgie des Burgtheaters (1979–1986), Direktor des Theaters der Jugend in Wien (1988– 2002). Mehrere Bücher zu Arthur Schnitzler, Mitarbeit an der Schnitzler- Tagebuch-Edition (10 Bände, 1981– 2000). Zahlreiche Publikationen zur österreichischen Literatur und Kunst
  • Artikelbild
    foto: öst.nationalbibliothek
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