Kopf des Tages: Michael Schumacher

20. Oktober 2006, 20:50
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Kerpens Größter und sein goldener Käfig

"Wir würden uns freuen, wenn Michael Schumacher nach Beendigung seiner Karriere auch noch mal nach Kerpen käme." Marlies Sieburg sagt das, die Bürgermeisterin aus jener Stadt in Nordrhein-Westfalen, aus der Michael Schumacher auszog, um zum mit Abstand erfolgreichsten Autorennfahrer der bisherigen Geschichte zu werden. Schumacher, der dann tatsächlich die meisten Grand-Prix-Siege und Weltmeistertitel in der Formel 1 sammelte, lebt mit Gemahlin Corinna, Tochter Gina Maria (9) und Sohn Mick (7) in Vufflens-le-Château in der Schweiz (die neue Villa am Genfer See ist bald fertig), der auch rasende Bruder Ralf in Salzburg.

Rund 63.000 Menschen wohnen noch in Kerpen, wo es 55 Kinderspielplätze und nur eine Cart-Bahn gibt, deren Geschäfte früher die Eltern der Schumachers, Rolf und die 2003 verstorbene Elisabeth, führten. Michael Schumacher, der gelernte Kfz-Mechaniker, verdiente bei Ferrari zuletzt 35 Millionen Euro pro Jahr. Sein Vermögen wird auf 250 Millionen Euro geschätzt. Kerpen gab im Vorjahr etwas mehr als 135 Millionen aus und nahm nur 130 Millionen ein. Der Stadt gehe es schlecht, so die Bürgermeisterin, es ge-be in der Bevölkerung auch kritische Töne zu Michael Schumacher, viele hätten sich mehr soziales Engagement gewünscht. Sieberg verweist auf Ralf, der Grundstücke gekauft und Läden eröffnet habe.

Michael Schumacher heiratete 1995, immerhin in Kerpen, verkaufte die Geschichte an eine Boulevardzeitung, den Lohn führte er wohltätigen Zwecken zu. Seit 2002 mimt er einen Unesco-Sonderbotschafter, wirkt bei Benefizkickerln mit, gibt für Kinder der Dritten Welt und für den Kampf gegen den Krebs. Den Opfern der Tsunami-Katastrophe in Asien spendete er 10 Millionen Euro, zweckgebunden für die Wiederherstellung der Trinkwasserversorgung. In der Flutwelle waren einer seiner Leibwächter und eines von dessen Kindern ums Leben gekommen.

Anfang der Neunziger, als Schumacher die Formel 1 stürmte, hegte er den naiven Wunsch, "in meiner kleinen Welt in Kerpen ganz normal weiterzuleben". Ehe er 1994 zum erstem Mal Weltmeister wurde, hatte er die kleine Welt schon gegen Monte Carlo eingetauscht. "In einem gewissen Maß lässt sich der goldene Käfig bei mir nicht vermeiden", sagt der berühmteste aller Kerpener, und den Käfig werden er und seine Familie auch nach seinem 250. und letzten GP am Sonntag nicht so bald verlassen. Er, der Käfig, sieht zuweilen auch wie eine 600-m²-Skihütte in Norwegen aus, wo die Schumachers Weihnachten zu feiern pflegen.

Schumacher brach fast alle Rekorde in der Formel 1. Um dies zu schaffen, scheute er kaum eine Unsportlichkeit. Er wird einigen, aber nicht seinen Kollegen fehlen. Die weinen nur Krokodilstränen. (Benno Zelsacher - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21./22.10. 2006)

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