Schocktherapie und Aufklärung: Ayaan Hirsi Ali

22. Oktober 2006, 09:00
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Die vielleicht bekannteste Islamkritikerin legt ihre Autobiografie vor

Mein Leben, meine Freiheit ist ein beachtliches Buch. Die Lebensgeschichte der 1969 geborenen Ayaan Hirsi Ali, obzwar kurz an Jahren, reicht völlig aus, um fast fünfhundert Seiten spannende und mitreißende Lektüre zu garantieren und eine kontroverse Figur in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Vor Zwangsehe geflohen

Im von Clanwesen und mittelalterlichem Islam geprägten Somalia geboren, floh Hirsi Ali vor einer Zwangsehe nach Holland und entwickelte sich bald zur scharfen Kritikerin mangelhafter Integration muslimischer Einwanderer sowie frauenverachtender Praktiken im Islam. Als der Regisseur Theo van Gogh, zu dessen Film Submission sie das Drehbuch verfasst hatte, von einem 27-jährigen Niederländer marokkanischer Herkunft ermordet wurde, galt die Todesdrohung auch ihr. Schließlich ging die niederländische Regierungskoalition im Sommer 2006 anlässlich des Zwists zu Bruch, ob Hirsi Ali wegen falscher Angaben im Asylantrag die Staatsbürgerschaft aberkannt werden solle. Sie lebt seither unter Polizeischutz, in den USA als Mitarbeiterin des neokonservativen American Enterprise Institute, und wurde als „weiblicher Rushdie“ bezeichnet.

Mit ihrer vehementen Islam-Kritik positioniert sich Ayaan Hirsi Ali im Herz der Auseinandersetzung zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“. Mehr noch, sie zielt als Frau und als Muslima auf eine der zentralen Fragen in diesem Feld: der nach dem Verhältnis zwischen dem Islam und der Entrechtung der Frau.

Doch bezeichnend an Hirsi Alis Position ist, dass sich ihre Kritik nicht gegen die Perversion des Islam durch Fundamentalisten richtet, sondern „den Islam“ als solchen anprangert. So reiht sie sich ein in die Reihen jener Kulturkämpfer, die den Gegensatz zwischen „Westen“ und „Islam“ festhalten und als Gegnerschaft verstehen. Anstatt zu versuchen, am Islam dasjenige stark zu machen, was dem Dialog und der Toleranz entgegenkommt, fordert Hirsi Ali „den Westen“ auf, die Einladung zum Kampf der Kulturen anzunehmen. So findet sie sich wieder in der Gruppe derjenigen, denen an Benedikt XVI. Auslassungen über Mohammeds Erbe allein die nachgeschobene Beschwichtigung missfallen hat.

Islam und Liberalismus

„Es steht für mich fest, dass der Islam mit der liberalen Gesellschaft, so wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist“, sagte Hirsi Ali im FAZ-Interview vom 4. Oktober 2006. Was aber meint „der Islam“? Einen derartigen Islam aus einem Block, könnte man entgegen, gebe es gar nicht, sondern nur verschiedene, widersprüchliche islamische Praktiken und Strömungen. Auch der Versuch, die Rückständigkeit der Kultur, die Unterdrückung der Frau und die stagnierende Entwicklung in arabischen Regimen oder islamischen Ländern allein „dem Islam“ anzuhängen, dient nicht der Einsicht in dieses Problem. Patriarchale Strukturen beschränken sich nicht auf islamische Gesellschaften, auch andere Religionen lassen sich dazu einspannen, frauenfeindliche Praktiken zu rechtfertigen. Doch Hirsi Alis Autobiografie, mitreißend erzählt und spannend wie ein Roman, macht es möglich, ihre Stellungnahme so zu verorten, dass das Berechtigte daran sichtbar wird, ohne dass die Überspreizung, den Islam als Ganzes zu verurteilen, mit übernommen werden muss.

Die Geschichte ihres Lebens zeigt, woraus Hirsi Alis Kritik sich speist, wenn sie von ihrer Kindheit in Somalia erzählt, den Aufenthalten in Äthiopien, Saudi-Arabien und Kenia, wohin die Familie ihrem Vater, einem Gegner des somalischen Regimes Siad Barrés, nachfolgt. Es ist ein in Clanstrukturen verstricktes Leben, in einer Kultur, in welcher sich der Islam mit traditionellem Aberglauben verbindet, etwa als ihre Großmutter Unfruchtbarkeit mit dem Wirken böser Geister erklärt.

Hirsi erzählt vom tyrannischen Regime ihrer Mutter und ihrem Aufbegehren, ihrem Kampf um das Recht, eine Schule besuchen und sich bilden zu dürfen. Es regiert das System der Ehre, deren Befleckung die ganze Familie betrifft, und das Ayaan verletzt, als sie den vom Vater gewählten Mann ablehnt. „Es war die Geburt von mir als Person, die selbständig Entscheidungen über ihr Leben treffen kann. Ich floh nicht vor dem Islam oder in die Demokratie. Es ging nicht um große Ideen – die hatte ich damals nicht. Ich war nur eine junge Frau, die unbedingt sie selbst sein wollte. Deshalb flüchtete ich ins Unbekannte.“ Dieser Welt will Hirsi Ali mit ihren Äußerungen eine Schocktherapie verordnen, nach der Faustregel „Je schwerer die Krankheit, desto heftiger das Heilmittel“. Trotzdem widmet sie dieses Buch ihrer Familie, und es liest sich wie eine Familiengeschichte, die zugleich eine Rechtfertigung ist für die „Schande“, die sie über ihre Herkunft gebracht hat.

"Verderbliche" Sexualität

Eindrücklich ist die Schilderung der Vorkehrungen, wie mit der weiblichen Sexualität umgegangen wird: Wie ihrem „verderblichen Einfluss“ alle Kraft genommen werden soll, indem sie verhüllt, verschleiert, eingegrenzt und verborgen wird. Wer könnte ihr widersprechen, wenn sie sich zur Fürsprecherin unzähliger erniedrigter Frauen macht? Genauso treffend ihre Anklage mangelnder Integration und des Umstandes, dass aufgrund von Bequemlichkeit und Rassismus in liberalen Gesellschaften sozial benachteiligte Einwanderer notgedrungen in Parallelgesellschaften leben, deren Abgrenzung mit dem Respekt vor anderen Kulturen gerechtfertigt wird.

Aufschlussreich schließlich, wie Ayaan Hirsi Ali in Holland Asyl erhält, obwohl sie „nur“ vor einer Zwangsverheiratung geflohen war, während anderen Rettung versagt bleibt. Aus Dankbarkeit nimmt sie sich vor, diese Schuld abzudienen. Dass sie dies oft pauschal und undifferenziert tut, mag man ihr vorhalten. Ihr Leben aber verdient Respekt. (Pepe Egger, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

Ayaan Hirsi Ali, "Mein Leben, meine Freiheit. Die Autobiographie". Aus dem Englischen von Anne Emmert und Heike Schlatterer. € 20,50/496 Seiten. Piper, München 2006
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