Strolche und Gestrauchelte

20. Oktober 2006, 20:24
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Zwei Dokumentarfilme von Mirjam Kubescha und Rachel Libert erzählen von Gefängnissen, den Menschen drinnen und der Welt draußen

Mit Probenlärm in einem ganz gewöhnlichen Theatertollhaus beginnt Mirjam Kubeschas Balordi: Chaos vor und auf der Bühne, letzte Anweisungen, Tonproben vor einer augenscheinlich eigenwilligen und rotzfrechen Inszenierung von Brechts Dreigroschenoper.

Erst als die Kamera einen der Schauspieler auf seinem Heimweg begleitet, sich mit ihm durch vergitterte Tore, Schließvorrichtungen und Sperranlagen schleusen lässt und zuletzt seinen einsam hallenden Schritten in einem Zellenkorridor nachblickt, wird klar, dass er im Gefängnis zu Hause ist, genauer in der toskanischen Justizvollzugsanstalt von Volterra.

Die dortige Häftlingstheatertruppe hat sich Brecht vorgenommen, und führt die Dreigroschenoper mit Darstellern auf, die sämtlich Langzeitinsassen sind, die Balordi aus dem Titel: Ganoven, Strolche, Tölpel.

Kamera als Teil des Alltags

Kubeschas Kamera (geführt von Sophie Maintigneux und Pawel Sobczyk) scheint Teil des Gefängnisalltags geworden zu sein, so unaufdringlich mischt sie sich in die Proben der singenden und tanzenden Häftlinge, zeigt ihre schwitzenden Körper in italienischer Sommerhitze beim Krafttraining, so selbstverständlich packen hier begnadete Selbstdarsteller lakonisch ihre Lebensgeschichten und aufschneiderischen Räuberpistolen aus.

Aus Probenmitschnitten, Gesangseinlagen und Interviews hat Kubescha einen virtuosen Film gemacht, der genau so von der Haftanstalt wie vom Leben draußen handelt, von den Insassen wie von ihren Jugendträumen, die an der Vorstadtwirklichkeit in Palermo, Brindisi oder Neapel zerschellt sind. So wird das Gefängnis zum Brennglas, in dem sich die Welt draußen verdichtet, deren Erzeugnis die Anstalt genauso wie die hier arretierten Lebensgeschichten ist.

Jenseits des Urteils

Thematisch nahe, doch ganz anders ausgeführt ist der Film der New Yorker Regisseurin Rachel Libert Beyond Conviction. Ort der Handlung ist auch hier ein Gefängnis, aber dieses interessiert Libert allein als jener Raum, der sich "jenseits der Verurteilung" auftut: Mit einem Urteil und der Einsperrung des Täters endet ja die Geschichte eines Verbrechens weder für den, der es verübt, noch für den, der es erlitten hat. Der Justizvollzug sühnt nicht ein Verbrechen, noch gibt er der Reue Raum.

Libert trägt dem Umstand Rechnung, dass Opfer und Täter noch des schrecklichsten Verbrechens eben darin auch nach der Verurteilung verbunden sind. Anlass ist ein Projekt im US-Bundesstaat Pennsylvania, das Begegnungen zwischen Opfern oder ihren Angehörigen und Tätern von Gewaltverbrechen ermöglicht. Drei davon hat Libert in ihrem Film dokumentiert.

Mit einfachsten Mitteln, fast kunstlos und ohne Kommentar richtet sich der Blick der Kamera in kahlen Besuchszimmern auf die Begegnung zwischen Opfer und Täter, die sich hier in die Augen blicken und dem Geschehenen einen Sinn zu geben suchen. Schmerzhaft nahe rückt die Kamera an die tränenreichen und um Worte ringenden Aufeinandertreffenden heran, wirft Fragen zu Sühne, Reue und Vergebung auf. (Pepe Egger, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

Balordi: 21. 10., Künstlerhaus, 13.00; Wh: 22. 10, Künstlerhaus, 20.30.,
Beyond Conviction: 23. 10., Urania, 18.30; Wh: 25. 10., Stadtkino, 15.30
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