Interview: Unions-Präsidentin Liese Prokop

30. Oktober 2006, 15:44
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Die Innenministerin will Schüler täglich bewegen, sorgt sich um Sportförderung und Leichtathletik und fordert mehr Dopingkontrollen

STANDARD: Frau Ministerin, im Sport sind Sie ja Frau Präsidentin. Sie leiten die Union, einen der drei großen Dachverbände. Wie steht's um die Sportpolitik im Land, wie würden Sie die Ära Schweitzer bilanzieren?
Prokop: Man kann sagen, mit dem neuen Sportförderungsgesetz ist Gewaltiges passiert. Ein finanzieller Riesensprung. Es war mit ein Verdienst von Staatssekretär Karl Schweitzer, wobei auch der Bundeskanzler, die Bundessportorganisation und die Dachverbände sehr dahinterstanden.

STANDARD: Dass Brüssel wegen des Glücksspielmonopolgesetzes, von dem die Sportförderung abhängt, Druck auf Österreich ausübt, könnte allerdings weit reichende Folgen haben.
Prokop: Wir müssen rechtzeitig reagieren. Sollte das Monopol fallen, dann sollen jene, die auf den Markt drängen, dieselben Auflagen erfüllen müssen. Da muss es eine neue klare Verantwortung jener geben, die am Glücksspiel verdienen wollen. Die muss man auch zur Kasse bitten, dafür müssen strenge Gesetze sorgen. Dann lukriert der Sport weiter seinen Anteil, im besten Fall schaut mehr heraus.

STANDARD: Die Breitensportaktion "Fit für Österreich" will beim Kindergarten ansetzen und den Menschen bis ins Alter begleiten. Doch schon beim Schulsport gibt es Probleme.
Prokop: Vor langer Zeit war der Turnlehrer meistens auch Funktionär eines Vereins. So wurden automatisch die Vereine betreut. Das ist jetzt nicht mehr der Fall, deshalb gehört die Verbindung Schule-Verein und gehört der Schulsport selbst gezielt gefördert.

STANDARD: Das heißt, Sie würden die Forderung nach der täglichen Bewegungseinheit in der Schule unterstreichen?
Prokop: Ja. Ich kann den Sport nicht nur auf freiwilliger Basis anbieten, man muss Maßnahmen ergreifen, um junge Menschen zu bewegen. Weil es notwendig und gesund ist. Genauso wie man Maßnahmen ergreift, damit Menschen aufhören zu rauchen. Und wenn jetzt wieder Ganztagesschulformen diskutiert werden - da führt sowieso kein Weg am täglichen Schulsport vorbei. Am Abend wird sich der Sport nicht mehr ausgehen. Bewegung gehört zum Leben.

STANDARD: Neben dem Fußball haben auch andere Sportarten große Probleme. Man denke an Rudern oder an Ihren eigenen Sport, die Leichtathletik.
Prokop: Ja, die Leichtathletik. Die Erfolge waren leider nie auf ein System, sondern immer auf einzelne Engagements aufgebaut. In der Leichtathletik dauert halt alles lange. Jetzt beginnen auch andere Sportarten früher für sich zu werben. Ich sehe das in Mödling, dort ist derzeit Handball der Hit bei den Mädchen. Dabei wären, vom Körperbau her, tolle Leichtathletinnen dabei.

STANDARD: Wenn Sie sich Ergebnisse österreichischer Meisterschaften ansehen, wo reihten Sie sich mit Ihren seinerzeitigen Bestmarken heute ein?
Prokop: Da blutet mir das Herz. In etlichen Disziplinen wäre ich heute noch ganz vorn, das ist fast absurd. Wäre nicht die Ukrainerin Fedjuschina 1999 eingebürgert worden, hätte ich heute noch den Rekord im Kugelstoßen.

STANDARD: Immerhin könnte man daraus schließen, dass nicht gedopt wird.
Prokop: Gedopt haben wir damals doch auch nicht. Und wir hatten viel schlechtere Bedingungen, schlechteres Material, wir sind ja noch auf der Aschenbahn gelaufen.

STANDARD: Das österreichische Anti-Doping-Gesetz wird zwar allgemein begrüßt, aber genauso als nicht der Weisheit letzter Schluss bezeichnet. Woran hapert es?
Prokop: Die Voraussetzungen passen. Nur müsste man viel öfter, auch laufend im Training, kontrollieren. Und die Kontrollen müssten weltweit gleich streng sein. Das spielt es derzeit nicht. Es würde mich nicht wundern, wenn wir 2008 in Peking Olympiasieger erleben, die niemand kennt, die urplötzlich auftauchen.

STANDARD: Ist ein Sportler, der dopt, nicht auch Betrüger?
Prokop: Ich bin gegen die Kriminalisierung der Sportler. Die entscheidende Frage ist: Wie kann ich die Hintermänner erwischen? Gewisse Bereiche muss man auch mit einer gewissen Ehrlichkeit betrachten. Wenn ich einen Radprofi nicht als Profi sehe wie beispielsweise einen Künstler oder einen Topmanager, dann führt sich eine Veranstaltung wie die Tour de France ad absurdum.

STANDARD: Sie plädieren also für eine Doping-Freigabe?
Prokop: Habe ich nicht gesagt. Aber Sie und ich, wir nehmen Mittel gegen Grippe, die einem Profisportler verboten sind. Das ist zu hinterfragen. Den Letzten beißen die Hunde, und das ist der Sportler.

STANDARD: Irritiert es Sie, dass der Sport weder im Wahlkampf noch jetzt in den Verhandlungen thematisiert wird? Und wie sehr wollen Sie sich selbst künftig im Sport einbringen?
Prokop: Dass der Sport nicht vorkommt, liegt wohl daran, dass er derzeit außer Diskussion steht und es wenig Probleme gibt. Der Sport ist für alle interessant, weil er ein Positiv-Thema ist. Ich bin seit vielen Jahren intensiv engagiert. Wichtig ist, dass der Sport auch in der nächsten Regierung eine feste Basis hat. (Mit Liese Prokop sprach Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21./22.10. 2006)

Zur Person

Liese Prokop (64), im Fünfkampf 1968 Olympia-Zweite, 1969 Weltrekordlerin, ab 1969 im NÖ Landtag, seit 1999 Unions-Präsidentin, seit 2004 Innenministerin.

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