Mindestens tausend Romane

31. Oktober 2006, 12:42
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Ein ungewöhnliches und gewagtes Buch von Askold Melnyczuk

Im Jahr 1914 lehnte Zenon Zabobon, Professor für Kunstgeschichte am Knabengymnasium in Rozdorizha, einen Job als Kurator der Skythen-Sammlung im Londoner Archäologiemuseum ab, weil er sich, wie er seinem jüngeren Bruder Stefan in einem Brief erklärte, verliebt hatte. So beginnt der Roman Mindestens tausend Verwandte von Askold Melnyczuk, der 1954 als Kind ukrainischer Einwanderer in New Jersey (USA) geboren wurde. Zenon Zabobons Bruder Stefan notiert in seinem Tagebuch: „Mein Bruder ist ein Trottel. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass er nach Vaters Seite der Familie gerät. Den Zabobons geht jeder Instinkt für Ehen ab.“

Rozdorizha und der Rest der Welt

Später wird es Stefan sein, der Zenons Frau Natalka und ihre Tochter in die Emigration nach Amerika begleitet, da Zenon selbst aufgrund erotischer Aktivitäten mit unglücklichem Ausgang dazu nicht mehr in der Lage ist. Stefan ist darüber alles andere als begeistert, er widmet sich vorzugsweise sexuellen Ausschweifungen oder abstrusen Buchprojekten – „sein ehrgeizigster Plan: die Geschichte seiner Heimatstadt Rozdorizha den Ereignissen in der restlichen Welt gegenüberzustellen. Da gab es etwa das Jahr 1492, als Kolumbus in Kuba landete, als Leonardo da Vinci seine erste Flugmaschine skizzierte und als Rurik Zabobon die Kuh seines Nachbarn schlachtete, was eine Fehde anzettelte, die drei Jahrhunderte dauern sollte“; die Auswanderung kommt ihm äußerst ungelegen.

Die Emigrationsgeschichte, die Liebesgeschichte(n) und schließlich der Tod in allen Variationen, mehr oder minder brutal, absurd, sinnlos oder friedlich, sind die Motive, die diesen Roman tragen. Oder vielmehr diese „mindestens tausend Romane“. Mit weniger will sich der Autor nicht zufrieden geben, er will alle Geschichten erzählen, und alle gleichzeitig. Sagenhafte Gestalten tauchen auf, wie es schon das Motto, das Askold Melnyczuk seinem Roman voranstellt, verspricht: „An den Abenden findet man die Bewohner der entlegenen Dörfer rund um die Lagerfeuer oder in niedrigen Holzhütten, wo sie Geschichtenerzählern lauschen, die epische Heldengeschichten singen oder nacherzählen.“

Von den Lagerfeuern geht es direkt in die amerikanische Vorstadt, in die Trostlosigkeit der modernen Hölle. Neben den sagenhaften Toor Zabobon, König der Rozdorizhaner, treten korrupte Vorarbeiter und verzweifelte Avon-Beraterinnen.

Es ist ein Wagnis, das Askold Melnyczuk hier unternimmt, und es liegt beim Leser, ob er ihm folgen will. Wer sich auf dieses sehr ungewöhnliche Buch und seinen ganz eigenen Ton, der gelegentlich an den rabenschwarzen Humor des Dimitré Dinev erinnert, einlässt, unternimmt eine faszinierende Reise quer durch die Welt, die Alte und die Neue, durch Kontinente und Jahrhunderte. Die Ukraine, das Heimatland seiner Eltern – und sein großes Thema – hat Askold Melnyczuk selbst übrigens erst im Jahr 1991 zum ersten Mal besucht. Die ukrainischen Autoren, allen voran Juri Andruchowytsch, betrachten ihn, und das ist für ihn vermutlich das größte Kompliment, trotzdem als einen der ihren. (Radek Knapp, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

Askold Melnyczuk, "Mindestens tausend Verwandte", Übersetzt von Martin Amanshauser, € 20,50/208 Seiten. Deuticke, Wien 2006
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