Sintflut und Welttheater

31. Oktober 2006, 12:42
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Georg Petz und seine eigenwillige Interpretation der Zivilisationsgeschichte

Nicht gerade tausend Jahre, aber doch ziemlich lange laboriert man an dem dicken Roman Die tausendjährige Nacht von Georg Petz. Das Setting des jungen, in Graz lebenden Autors gleicht ein wenig der TV-Kultserie Lost. Eine Gruppe Menschen findet sich nach einem Flugzeugabsturz in einer wilden Gegend ohne geografische Koordinaten und ohne Gedächtnis wieder. Die Leute fallen in die absolute Geschichtslosigkeit. Das klingt wie der Auftakt zu einem Survival-Abenteuer, möglicherweise mit einer Horror-Komponente à la Herr der Fliegen. Aber Petz schwebte offenbar etwas gänzlich anderes vor, nur was, das ist schon schwerer herauszufinden. Zunächst ist also einmal Tabula rasa; die Gesellschaft muss sich von Neuem erfinden. Als die Überlebenden zu den lang verlassenen Ruinen der Stadt eines unbekannten Volkes kommen, entscheidet ein demokratisches Würfelspiel über die Verteilung der Rollen und Wohnressourcen.

Alles katalogisiert

Petz geht dabei nicht auf individuelle Schicksale oder auf real existierende Überlebensfragen ein, auch dann nicht, als eine Art Sintflut die Reste der Stadt heimsucht und man danach das ganze urbane Gefüge sozial und planerisch neu ordnen muss. Ordnen, aufzeichnen, katalogisieren, das ist die Leidenschaft des in einem abgehobenen Bibliotheksturm hausenden Chronisten G., der sich in der Rahmenhandlung als Schwerverletzter mit zahllosen Knochenbrüchen im Lazarettgebäude wiederfindet. Abermals mit einer Amnesie geschlagen und von einer Prostituierten gepflegt, wird die ihm die Geschichte der Stadt und seines Wirkens in ihr von Neuem erzählen. Was Petz hier unternimmt, ist der Versuch einer kursorischen, eigenwilligen Interpretation des Zivilisationsprozesses, gleichzeitig versucht er eine Reflexion über das Erzählen an sich. Dieses beginnt mit dem Bemühen einer „objektiven“ Aufzählung der „Fakten“ und endet mit der Hereinnahme der Poesie, des eigenen Standpunktes in dem Maße, in dem der Geschichtsaufzeichner als nicht mehr staatstragend erkannt wird.

Der Chronist G. gibt sich lange der Vorstellung hin, dass das, was er so emsig und auf Vollständigkeit bedacht aufschreibt, zu einem sinnvollen Ganzen zu fügen sei, eine Illusion, wie er zuletzt erkennen muss. Petz verwebt in seinem beziehungsreichen Labyrinth Anspielungen aus der Literaturgeschichte, von den Merseburger Zaubersprüchen über Umberto Eco bis zu Karl Kraus, er verwendet sie auch als Motto über den Kapiteln und überlässt es dem Lesenden, die Assoziationen selbst herzustellen. Die Auseinanderdifferenzierung einer ursprünglich als egalitär gedachten Gesellschaftsordnung ist jedenfalls auch in dieser fiktiven Variante der Geschichte nicht aufzuhalten.

Von der Urgesellschaft zur Massenverelendung, von der Revolution bis zur Individualisierung spielt Petz das Welttheater punktuell und selektiv nach. Das alles wirkt artifiziell, ja manieristisch, zumal sich der Autor in langen und kompliziert gebauten Sätzen ergeht und dabei emotional eine bemerkenswerte Neutralität bewahrt. Was auf jeden Fall beeindruckt, sind die Hartnäckigkeit und die Originalität, mit denen Petz sein ausuferndes Romanprojekt betreibt. Diese Ernsthaftigkeit ironisiert er selbst in dem kulturpessimistischen Exkurs, in dem die postmodern gereiften Vertreter der Macht dem Chronisten dessen Unzeitgemäßheit und Schwerfälligkeit vorwerfen. Er solle doch, so wird er angehalten, endlich den Geschmack des unterhalten sein wollenden Publikums treffen. Der Kulturbetrieb müsse sich schließlich rechnen. Alles wie gehabt, – da bleibt den Dichter-Chronisten nur mehr die Rückkehr ins Wasser, von wo einst alle Lebewesen an Land stiegen. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

Georg Petz, "Die tausendjährige Nacht", € 34,–/425 Seiten, Bibliothek der Provinz, Weitra 2006
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