"Keine Vision für mein neues Leben"

22. Oktober 2006, 20:46
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Michael Schumacher ist am Sonntag zum letzten Mal Teil eines Duells um die Weltmeisterschaft, Favorit ist jedoch Fernando Alonso

São Paulo - Wer bei Intertops zehn Euro darauf setzt, dass Michael Schumacher 2007 in die Formel 1 zurückkehrt, und der macht das tatsächlich, kriegt 330 Euro. Laut dem Meister selbst ist allerdings davon auszugehen, dass die zehn Euro verspielt sind. Denn auf die Frage, ob es irgendwann ein Comeback des Rennfahrers Michael Schumacher geben wird, antwortete der: "Ich treffe keine solche Entscheidung, wenn ich sie mir nicht gut überlegt hätte. Ich sehe daher auch keinen Grund, das wieder zurückzunehmen. Auch Rennen in anderen Serien interessieren mich momentan nicht. Wie wird mein Leben danach aussehen? Ich weiß es noch nicht. Ich habe schon oft gesagt, dass ich das jetzt noch nicht wissen muss. Ich bin in der glücklichen Position, dass ich noch keine Vision für mein neues Leben haben muss. Ich habe viel Zeit, kann mir etwas überlegen, das mich interessiert."

Schumacher sagt das so, weil ihn momentan ohnehin nur sein 250. und letztes Rennen, jenes in Interlagos, interessiert. Die Fokussierung auf ein Ziel war von jeher eine der größten Stärken des Deutschen. Weshalb man bei Renault, und also in Alonsos Lager Schumachers Beteuerungen, er hätte seinen achten Weltmeistertitel angesichts seines Rückstandes von zehn Punkten schon abgeschrieben, nicht wirklich traut. Allenthalben wird betont, wie unwahrscheinlich es doch sei, dass Ferrari, also Schumacher, schon wegen der Nachrede nicht in die Trickkiste greifen wird, um am Ende doch noch als regierender Weltmeister abtreten zu können.

Porzellankiste

Alonso selbst, betont lässig, aber auch ständig mit einer mächtigen schwarzen Sonnenbrille bewehrt, macht seine Sorgen, er könnte sich während des Rennens plötzlich neben der Strecke wiederfinden, auch nicht am großen Kontrahenten fest. "Ich muss sehr vorsichtig sein und mich aus allen Zweikämpfen raushalten", sagt der 25-Jährige aus Oviedo ganz allgemein. Besonders die Startphase sei gefährlich, da könne es ganz schnell zu einer Kollision kommen, dies müsste nicht mal mit Vorsatz geschehen.

Dass Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, unterschreibt auch Flavio Briatore. Der Teamchef von Renault argumentiert allerdings gänzlich unitalienisch, wenn er sagt, dass die Situation mit dem Fußball vergleichbar sei. "Die Mannschaft, die auf 0:0 spielt, wird am Ende verlieren." Catenaccio ist also nicht angesagt, Briatore empfiehlt Alonso die Attacke, weil es "ein normales Rennen mit einem fairen Zweikampf wird."

Das Finale soll jedenfalls die Massen elektrisieren. RTL und Premiere würdigen am Sonntag Schumacher in mehreren Sondersendungen. In Spanien wird das Rennen sowieso zum Straßenfeger. Das Interesse ist derart groß, dass dem sogar König Fußball Rechnung tragen muss. Im Estadio Santiago Bernabeu wurden Leinwände aufgezogen, damit die Aficionados vor dem Liga-Hit Real Madrid gegen FC Barcelona die Entscheidung in São Paulo miterleben können.

Vor Ort ist Alexander Wurz, der das Saisonende aus anderem Grund herbeisehnt. Schließlich endet damit auch sein sechsjähriges Dasein als Test- und Freitagsfahrer bei McLaren-Mercedes und Williams. Der 32-Jährige ist am März 2007 Einsatzpilot bei Williams. Wurzens professionelle Meinung zum Duell Alonso gegen Schumacher: "Es wird fair werden." (lü, sid - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21./22.10. 2006)

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