Musik der Insekten: "Turandot" in der Volksoper

20. Oktober 2006, 19:07
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Dirigent Leopold Hager und Regisseur Renaud Doucet über die Kunst des Schlusses, die Volksopern-Akustik und Bilderrahmen

Wien – „Der Schluss von Luciano Berio ist meiner Meinung nach zu vergessen“, sagt Leopold Hager, Dirigent der Produktion und musikalischer Leiter der Volksoper, unumwunden. „Es ist ein missglückter Versuch derer, die nicht an Franco Alfano glauben. Turandot ist ein wichtiges Volksstück, in dem das Volk wie in kaum einer anderen Oper eine zentrale Rolle spielt. Berio lässt die Oper ohne Schluss, das ist dramaturgisch schlecht.“

Was in der Musikgeschichte beim Vollenden von Werken Tradition hat, ist für Hager unverändert richtig. „Wenn ein Stück keinen Schluss hat, muss man auf Vorhergehendes zurückgreifen, damit das Werk mit dem eigentlichen Komponisten endet. Das hat jeder in der Musikgeschichte so gemacht, auch Alfano: der Schlusschor ist ein Rückgriff auf Puccini.“ Hager hat Turandot auch an der Staatsoper dirigiert. Muss der Dirigent für die Volksoper umdenken? „Nein, gar nicht. Der Chor ist kleiner, aber wir spielen mit großer Bühnenmusik und vollem Orchester.“

"Mulm in der Akustik"

Die Akustik stellt die Musiker an der Volksoper vor die größte Herausforderung. „Das Haus leidet unter einem gewissen Mulm in der Akustik, es gibt keinen Glanz, die Töne kommen stumpf zurück, hohe Frequenzen werden geschluckt. Will man mehr geben, wird der Klang rasch knallig, aber nicht hell, sondern grob.“

Akustische Verbesserungen würde sich Hager dringend wünschen, denn „das klangliche Umfeld hat viel Frust bereitet“. Ein Name kommt sofort ins Spiel: Karlheinz Müller, der auch das Haus für Mozart zum Klingen gebracht hat. Ein erstes „Abhorchen“ habe bereits stattgefunden, erzählt Hager. „Wir haben versucht, mit Müller die Volksoper auszumessen, ob man aus der amorphen Masse etwas machen kann. Aber ich weiß nicht, ob er es überhaupt machen würde, es wäre schön.“

Alles Event

Plakative „Hits“ aus „Turandot“ – wie etwa „Nessun dorma“ – werden jedenfalls keinen akustischen Schaden erleiden. Dass das Publikum in der Vorankündigung der Produktion mit dem Hinweis gelockt wird, dass die beliebte Arie spätestens durch Luciano Pavarotti bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 zum Hit gemacht worden sei, sieht Leopold Hager ganz pragmatisch. „Es passt in unsere Zeit. Alles ist Event. Es schadet der Oper nicht. In einer Zeit, in der sich immer weniger Leute für klassische Musik interessieren, ist jeder Einzelne, den man etwa im Mozartjahr für Mozart gewinnt, ein Erfolg – und sei es über die ‚Kugel‘.“ Am Regiepult sitzt Renaud Doucet, der Sound of Music für das Haus zum Publikumsmagnet gestaltet hat. Sein für heutige (Regietheater-)Zeiten ungewöhnlicher Ausgangspunkt: Die Partitur. „Ich versuche, die Bedeutung der einzelnen Parameter herauszuarbeiten. Töne, Tonart, aber auch Worte und Satzzeichen sowie die Dynamik zielen alle auf eines ab: die passende Emotion zu finden. Das ist unsere Aufgabe als Team. Emotionen zu entwickeln, die logische, natürliche Handlungen nach sich ziehen.“

Doucet, der Ballett, Flöte und Kontrapunkt studiert hat, vergleicht das Inszenieren mit dem Rahmen eines Gemäldes. „Ich kann mich für einen klassischen Rahmen entscheiden, oder für einen aus Metall oder einen modernen. Ich kann das Gemälde mit Kerzenlicht oder mit Laser beleuchten. Aber ich werde keinen Schnurrbart dazukritzeln. Genauso lautet mein oberstes Gebot, die Partitur zu respektieren.“

Insektenwappen

Die neue Turandot soll jedenfalls einen märchenhaften „Rahmen“ bekommen. „Die Geschichte spielt in China. Puccini war selbst nie in China, es war einfach ‚weit weg‘. Es ist wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, das mit ‚Es war einmal ...‘ beginnt.“ Eine alte chinesische Legende besagt, dass der erste Chinese von einem Schmetterling geboren worden sei. Diese Vorstellung haben Doucet und sein Bühnenbildner André Barbe aufgegriffen und weiter entfaltet. Zwei Gedanken haben die Künstler fasziniert: „Im Westen sprechen wir vom Geräusch der Insekten. Chinesen sprechen aber von der Musik der Insekten. Viele Dynastien Chinas hatten Insekten im Wappen. Daraus entstand die Idee, eine Märchenwelt der Insekten auf die Bühne zu bringen.“ Fantasievoll und farbenprächtig leuchten die Skizzen aus Doucets Arbeitspartitur – das Ergebnis von zwei Jahren Vorarbeit.

Licht und Projektionen sollen die Emotionen intensivieren, denn neben Interpretation und Fantasie sieht Doucet sich vor allem dem Publikumserlebnis verpflichtet: „Es ist wichtig, dass Oper Freude macht. Ich wünsche mir, dass das Publikum mit einer Gänsehaut aus der Vorstellung geht. Das Problem heute ist, dass man als altmodisch gilt, wenn man nicht im Widerspruch zum Stück inszeniert. Eine Oper darf Vergnügen bereiten, man muss sie nicht ‚erleiden‘.“ (Petra Haiderer, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

  • Dirigent Leopold Hager und Regisseur Renaud Doucet legen "Turandot" märchenhaft an: "Eine Oper soll Vergnügen bereiten, man soll sie nicht 'erleiden'"
    foto: standard/hendrich

    Dirigent Leopold Hager und Regisseur Renaud Doucet legen "Turandot" märchenhaft an: "Eine Oper soll Vergnügen bereiten, man soll sie nicht 'erleiden'"

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