Die gläserne Milchkuh

21. Oktober 2006, 17:00
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Milchkühe haben es nicht leicht. Die Wirtschaft verlangt Höchstleistungen, die Züchter bringen sie um ihre Hörner - Reportage

Milchkühe haben es nicht leicht. Die Wirtschaft verlangt Höchstleistungen, die Züchter bringen sie um ihre Hörner. Der steirische Landwirt Klement Knapp lebt vor, dass es auch anders geht. Und Konsumenten finden an fairen Milchpreisen zunehmend Geschmack.

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Rinegg – Rinegg – Gundi blinzelt misstrauisch in die Kamera. Sie zuckt zurück, als der Blitz aufleuchtet. Dann siegt die Neugier, und sie beginnt genussvoll am Jackenzipfel des Fotografen zu saugen. Gundi ist Milchkuh, eine von tausenden in Österreich. Doch nur auf den ersten Blick. Denn Gundi trägt Hörner, und dieses Privileg ist nur wenigem Fleckvieh vergönnt. Zu groß ist die Verletzungsgefahr in den Ställen.

Hochleistungsjobs sind ihr fremd. Ihr Besitzer gibt sich mit rund 5000 Litern Milch im Jahr zufrieden. Branchenkollegen müssen da oft schon das Doppelte liefern, angetrieben von täglich bis zu zwölf Kilo Kraftfutter. Und Gundi dankt für die stressfreie Arbeit: mit zweimal täglich Biomilch, gut einem Dutzend Kälbern und einer um drei bis vier Jahre höheren Lebenserwartung.

"Ich wäre unglücklich"

18 Milch- und Mutterkühe grasen mit ihrem Nachwuchs über dem obersteirischen Rantental auf 1100 Höhenmetern. Ehrfurcht gebietend im Kreis der Familie: Zuchtstier Mimbo. Sein Chef Klement Knapp (59) durchmisst die steile Weide mit ruhigen Schritten. Auf Diskussionen, ob seine Rinder glücklicher sind als andere, lässt sich der Landwirt nicht ein. „Ich will nicht über andere schimpfen. Ich kann ja auch nicht in die Seelen der Kühe blicken.“ Lieber vergleicht er Massentierhaltung mit einem Leben im Hochhaus. „Manche Menschen fühlen sich dort wohl, ich wäre unglücklich.“

Knapp führt seine Landwirtschaft in 25. Generation in den Ausläufern der Stolzalpe. Seine Familie hält hier seit 700 Jahren die Stellung, die Alm ist nach ihrem Vulgonamen Stolz benannt. Knapp selbst wollte eigentlich Förster oder Tischler werden, sagt er. Aber der Vater brauchte ihn zum Arbeiten, und mit der Arbeit kam die Liebe zum Hof. Angesprochen auf den Biolandbau, wird seine Stimme lebhaft.

Bio rechnet sich nicht

„Hochleistungs-Landwirtschaft hat mich einfach nicht erfüllt.“ Er sattelte daher vor 30 Jahren als einer der Pioniere auf Bio um, trotz aller Skepsis aus den eigenen Reihen. „Es ist langfristig der richtige Weg.“ Lohnt sich der Umstieg auch finanziell? Knapp überlegt, schüttelt dann entschieden den Kopf. „Nein. Aber mir geht es um die Ideologie.“ Österreichs Molkereien gelten den höheren Aufwand mit einem Bio-Aufschlag von rund vier Cent je Liter ab, manche mit weniger. Unter dem Strich bleibe da nicht viel über, zeigen sich Vertreter der IG Milch ernüchtert. „Es geht dabei um reine Eigenmarken des Handels“, sagt Ernst Halbmayr von der Interessengemeinschaft.

Er sieht Bauern im Biogeschäft in einer denkbar schwachen Position und austauschbar. Halbmayrs Stimme wird schärfer, er spricht von Hungerlohn, elenden Preisen und Skandal. Landwirt Knapp formuliert es diplomatisch. „Wir wollen nicht länger auf Förderungen, Almosen angewiesen sein. Wir müssen unser Einkommen über den Preis erzielen.“ Dabei ließe sich das Killerargument Milchüberschuss leicht entkräften. „Je niedriger der Milchpreis, desto stärker erhöhen die Bauern die Mengen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“

Faire Preise statt Bio-Labels

Das neue Rezept der Milchbranche heißt daher: faire Preise statt Bio-Labels. Die IG Milch hat in diesem Sinne Ende Juli die erste Eigenmarke der Landwirte aus dem Boden gestampft: „A faire Milch“. Zehn Cent des Verkaufspreises fließen als Mehrerlös über ein Treuhandkonto direkt an die Bauern. Ein Limit von 50.000 Liter Milch pro Betrieb und Jahr ermöglicht kleinen Höfen den gleichen Profit. Zielpunkt und Spar sind bereits aufgesprungen. Ziel der Landwirte ist ein Absatz von 100.000 Litern in der Woche.

„Wir betreiben Guerillamarketing“, sagt Halbmayr und meint damit lebensgroße rot-weiß-rote Plastikkühe, die einem mal dort, mal da ins Auge springen. „Nehmen es die Bauern nicht selbst in die Hand, machen andere ein Geschäft daraus“, sagt Maria Helm. Sie ist Landwirtin in Waidhofen.

"Zurück zum Ursprung"

Der zweite Vorstoß in der Branche heißt „Zurück zum Ursprung“. Die neue Marke gehört dem Diskonter Hofer. Zu den Milchlieferanten zählen neben Klement Knapp 350 Murauer Bergbauern. Die Kriterien: silofutterfreie Milch, 24 Stunden-Lieferung, strenge Tierhalterichtlinien und völlige Transparenz für den Konsumenten. Dafür gibt es 5,5 Cent mehr je Liter. Landwirt Knapp bringt das im Jahr 800 Euro zusätzlich, rechnet er vor. „Das ist nicht die Welt, aber doch etwas.“ Dass er Bio liefert, allerdings nicht mehr Bio draufsteht, schmerzt ihn. Doch er vertraue dem Konzept.

Was beide Marken verbindet, ist der Glaube an einen Wertewandel im Konsum. Der Geiz sei nicht mehr geil. Der Konsument sei bereit, für Lebensmittel aus Österreich fair zu bezahlen. Und der Handel ziehe endlich mit. „Die Landwirte wiederum stecken das zusätzlich verdiente Geld in ihre Wirtschaft“, ist Bernhard Zechner, Landwirt in Trofaich und „A Faire Milch“-Lieferant, überzeugt. „Es gibt keinen Bauern, der mit dem Mehrerlös nach Mallorca fliegt.“ Klar ist, die Zahl der österreichischen Milchbauern ist seit 1995 von rund 82.000 auf 48.000 Betriebe gesunken. Tag für Tag sperren neun weitere Landwirte zu. Auch Klement Knapp war nahe dran, seine Milchwirtschaft an den Nagel zu hängen und sich auf sein zweites Standbein, den Forst, zu konzentrieren. Doch dank besserer Milch- und Holzpreise habe sich die Stimmung unter den Bauern aufgehellt, und der Optimismus kehre zurück.

Bodenhaftung

Knapp selbst will 2007 an seinen Sohn und damit an die 26. Generation übergeben. Der Bub (33) habe eine fundierte Landwirtschaftsausbildung und sei mit großer Begeisterung dabei, sagt er. Angst vor einem Pensionsschock hat der Bauer nicht. „An meinem Arbeitsalltag wird sich nicht viel ändern“, sagt er und lacht.

Sein Weg von der Weide zurück zum Hof führt ihn entlang einer schmalen Straße hoch über dem Tal. Stall und Wohnhaus schmiegen sich an den Berg. „Wissen Sie, Bergbauern geben selten auf, auch wenn es sich finanziell nicht mehr so rentiert. Es ist die Bodenhaftung, die uns hier hält.“ (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.10.2006)

  • Bio-Bauer Klement Knapp führt seinen Hof in der 25. Generation.
    foto: standard/kainrath

    Bio-Bauer Klement Knapp führt seinen Hof in der 25. Generation.

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