Filmstars in Rom

21. Oktober 2006, 16:42
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"Hollywood am Tiber": Neues Festival zieht tausende in die italienische Hauptstadt

Ein Kino gibt es in Tor Bella Monaca nicht. Das chaotisch gewachsene Problemviertel am südlichen Stadtrand weist die höchste Kriminalitätsrate der Hauptstadt auf. Michele Placido kämpft hier nicht allein gegen die Mafia. In dem vom bekannten Schauspieler eröffneten Theater drängten sich seit vergangenen Sonntag so viele Besucher wie nie zuvor. Das Publikum bejubelte etwa Leonardo di Caprio. Der Star mochte nicht über seinen neuen Film The Departed sprechen, der den Mafiakrieg in Boston schildert. „Ich bin nicht nur Schauspieler, sondern auch ein ökologisch denkender Mensch, der sich um Zukunft des Planeten sorgt.“ So verdonnerte Di Caprio seine Fans in Tor Bella Monaca dazu, zwei von ihm produzierte Öko-Filme über Treibhauseffekt und Wasserhaushalt anzusehen.

Gentleman Connery Ganz anders Sean Connery. Geduldig und stets höflich antwortete der Gewinner des Acting Award auf die Fragen der 1200 vorwiegend weiblichen Fans im römischen Auditorium. Ian Fleming? „Ein Snob“. Terence Young? „Ein Gentlemen“. Alfred Hitchcock? „Ein Genie“. Richard Gere ist aus Kroatien nach Rom gekommen, wo er in Spring break in Bosnia einen Journalisten auf der Suche nach Kriegsverbrechern spielt. Bei der Weltpremiere seines Films The Hoax warnt er vor Manipulation, Lüge und Verschleierung. Gere überzeugt in der Rolle des erfolgsüchtigen Schriftstellers Clifford Irving, der in den 70er-Jahren mit einer gefälschten Howard-Hughes-Biografie für einen Skandal sorgte. Er findet das Festival „fantastisch“.

Ein Sieger der Festa del Cinema steht bereits fest: das Publikum. Fast 50.000 Eintrittskarten wurden bisher verkauft, die Hotels sind ausgebucht. Ganz Rom schwelgt in einer Art Kinotaumel – „Hollywood am Tiber“ übertreibt La Repubblica. Tausende bummeln täglich durch die neue „cittá del cinema“ um das Auditorium von Renzo Piano. Mit Mühe können die Organisatoren den unerwarteten Ansturm bewältigen. Dass in Rom alle Premieren auch normalen Kinobesuchern zugänglich sind, erhöht den Reiz. Wo sonst kann man ein paar Reihen hinter Nicole Kidman sitzen und sie gleichzeitig auf der 50-Meter-Leinwand in der Rolle der US-Fotografin Diane Arbus verfolgen?

Love Story

„Die Liebesgeschichte zwischen mir und Rom dauert seit meinem 17. Lebensjahr“, versichert Kidman. Sie sei „glücklich, diesen kleinen Film hier zu präsentieren“. Offenkundig, dass der höfliche Applaus eher ihr gilt als dem detailverliebten und langatmigen Film von Steven Shainberg. Ganz anders Otar Iosselianis böse Satire Jardins en Automne. Korrupte Minister, versoffene Kleinbürger, alternde Frauenhelden und obdachlose Immigranten bevölkern sein schräges Sittenbild, in dem Michel Piccoli die einzige moralische Instanz verkörpert – in einer Frauenrolle.

Die bunte Vielfalt abstoßender und liebenswerter Figuren eint den Georgier Iosselliani und den französischen Regisseur Robert Guédiguian, in dessen Le voyage en Armenie eine resolute französische Ärztin ihrer armenischen Herkunft nachspürt. Die 50 Juroren sitzen während der Vorführung mitten im Publikum. Für den jungen Mailänder Arzt Filippo Castellano „eine interessante Abwechslung“. Die unter 3000 Bewerbern ermittelten Juroren erhalten kein Honorar und mussten sich zehn Tage Urlaub nehmen.

„Wir haben auf ein heterogenes Team Wert gelegt“, versichert Ettore Scola, einer der Altmeister des italienischen Films. Bei 60 Filmen pro Tag bleiben Pannen nicht aus. Etwa, dass Riccardo Muti im überfüllten Saal keinen Platz findet, Sofia Loren wegen der „späten Einladung“ schmollt, Richard Gere im römischen Verkehr stecken bleibt. Dass Sean Connery zum Mittagessen bei Silvio Berlusconi weilt, mag Gastgeber Walter Veltroni nicht kommentieren: „Eine Privatangelegenheit.“ (Gerhard Mumelter, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.10.2006)

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