Stalins letzter Tag in Budapest

30. Oktober 2006, 18:40
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Entschlossene Studenten, aufgebrachte Arbeiter und eine herumlavierende Führung steigerten die Demonstrationen des 23. Oktober zum Aufstand

Dass der 23. Oktober 1956 nicht schon am 6. Oktober gewesen ist, lag am Wetter. Nass, kalt, stürmisch: An solchen Tagen bricht keine Revolution aus. Sonst hätte alles gepasst. 200.000 Menschen waren am Hösök Tere, um den 1949 wegen "Titoismus" hingerichteten Innen- und Außenminister László Rajk wieder zu bestatten. Es war ein Tag, der ohnehin schon getragen war vom nationalen Pathos. Am 6. Oktober gedenkt man des österreichischen Blutgerichtes im Jahr 1849.

Der 23. Oktober aber, ein Dienstag, war ein ungewöhnlich warmer Tag. An der Technischen Universität am Budaer Donauufer, halbwegs zwischen Szabadság híd und Petöfi híd, versammelten sich schon seit dem Morgen die Studenten. Viele übernächtig, am Vorabend war hier eine Solidaritätsadresse ans reformistische Polen und ein Forderungskatalog an die ungarische Parteispitze formuliert worden. Nun sollte das Papier in einer Demonstration präsentiert werden.

Alles in geregelten Bahnen. Das kommunistische Zentralorgan Szabad nép schrieb wohlwollend über die Demonstrationen als "neue, frühlingshafte Heerschau". Aber dann bekommt der eben aus Jugoslawien zurückgelehrte Parteichef Ernö Gerö Angst vor der eigenen Courage. Um 12.53 Uhr verkündet das Radio, dass die Kundgebung untersagt wird. Die Studenten marschieren gleichwohl los, donauaufwärts, über die Szabagság híd, hinüber zum Denkmal des Nationaldichter Sándor Petöfi. Während des Marsches kommt die Nachricht: Die Kundgebung wird doch erlaubt. Zu untersagen wäre sie ohnehin nicht gewesen. Die Studenten verlesen ihre 16 Reformforderungen an die Parteispitze.

Noch während die Kundgebung läuft, machen sich rund 10.000 Teilnehmer auf den Weg zurück nach Buda. Sie ziehen entlang des Donauufers fast bis zur Margit híd. Vor dem Denkmal des polnischen Generals Josef Bem – einer der Helden des Jahres 1849 – sammeln sie sich erneut. Einige schneiden – erstmalig und beispielgebend – das Parteiemblem aus der Fahne. "Imre Nagy in die Regierung", skandieren sie, "Rákosi in die Donau". Mátyás Rákosi, am 18. Juli zurückgetretener Parteichef, Stalins Musterschüler.

Vorm Parlament

Die eigenen Parolen treiben die Menschen wieder hinüber auf die Pester Seite. Vorm Parlament rufen sie nach Imre Nagy, der aber lässt sich nicht blicken. Um 18.30 Uhr wird die Straßenbeleuchtung abgeschaltet. Rund 200.000 Menschen bleiben dennoch vorm Parlament. Ein Teil zieht weiter. Zum Rundfunkgebäude einerseits: Sie verlangen die Verlesung der 16 Forderungen der Studenten. Einige versuchen einzudringen, Polizei zieht auf. Ein anderer Teil marschiert die Sztálin út stadtauswärts bis zum Heldenplatz, den Hösök tere. Hinter der Kunsthalle wacht Stalin in einer X-Large-Ausführung: acht Meter hoch. Ein paar klettern auf den Sockel, Seile werden befestigt. Dann kommt wer mit Schneidewerkzeugen und macht sich an die Arbeit.

Um 20 Uhr erklärt Gerö die Kundgebung – die sich längst schon an den verschiedensten Schauplätzen ereignet – im Radio als "chauvinistisch, nationalistisch, antisemitisch". Eine Stunde später tritt Imre Nagy auf den Balkon des Parlaments. Seine Rede beginnt er mit dem Wort "Genossen". Die Menge pfeift enttäuscht.

Die Schneider und Seilzieher an der Dózsa György út waren fleißig in der Zwischenzeit. Um 21.37 neigt sich Stalin Richtung Stadt und fällt unter großem Hallo, nur die Stiefel bleiben zurück. "Ruszkik, hogyha szaladtok, engem itt ne hagyjatok!", schreien die Menschen voll Enthusisamus, "Russen, wenn ihr euch verzieht, lasst mich nicht zurück."

Weil aber keine Russen da sind, befestigt man die Leiche Stalins an Traktoren. Und so marschiert ein makaberer Jubelzug, außer sich nach dem Ritualmord, vor zum Hösök tere, über die Sztálin út zum Ring und weiter bis zum Blaha Lujza ter, wo viele versuchen, für sich ein Stück aus Stalin herauszubrechen. Als Erinnerung an den Albtraum.

Nach 22 Uhr aber kommen alamierende Nachrichten vom Rundfunkgebäude: "Studenten werden erschossen." Die Nachrichten sind wie ein Signal: Die Redaktion von Szabad nép wird gestürmt, andere machen sich auf den Weg in die Kasernen und Waffenfabriken. Und alles, was dann noch folgt, ist Geschichte. (Wolfgang Weisgram aus Budapest/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

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    Kopf eines umgestuerzten Stalin-Denkmals während des ungarischen Aufstandes gegen die sowjetische Besatzungsmacht

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