Nichts verändert sich

21. Oktober 2006, 16:11
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Eine unspektakuläre Geschichte von unergründlicher Einsamkeit und rettender Freundschaft erzählt US-Regisseur Ryan Fleck in "Half Nelson"

Wenn morgens der Wecker läutet, liegt Dan (Ryan Gosling) schon wach im Bett. Er macht sich fertig, fährt zur Arbeit, steht kurz darauf in einem Klassenzimmer in Brooklyn. Geschichtsstunde. Seine Schüler mögen Dan, er ist ein guter Lehrer, einer, dem am Unterrichten etwas liegt.

Oder zumindest einmal lag – denn Dan, der ein weit gehend geordnetes Leben führen könnte, wirkt ein bisschen neben sich, versetzt sich in seiner Freizeit mit allerlei Substanzen in einen Zustand der Bewusstlosigkeit und droht allmählich den letzten Rest an Kontrolle über sein Dasein zu verlieren. Drey (Shareeka Epps) ist Dans Schülerin. Ihre allein erziehende Mutter arbeitet als Polizistin, das Essen wartet in der Mikrowelle. Eines Tages nach dem Sporttraining findet Drey ihren Lehrer zugedröhnt im Waschraum. Diese Begegnung, die das Ende von Dans Berufstätigkeit sein könnte, wird stattdessen der Beginn einer verhaltenen Freundschaft.

Half Nelson heißt Ryan Flecks Film. Die Geschichte ist ganz klein und unspektakulär, handelt von einem, der außer Tritt geraten ist, vermittelt ganz unaufgeregt eine labile Grundstimmung, deren Ursache sich nicht so einfach festmachen lässt. Half Nelson steht auf der Viennale – neben Mutual Appreciation oder Old Joy – auch für ein US-Indiekino, das immer noch mit unnachahmlicher Sicherheit und scheinbarer Leichtigkeit solche Geschichten von kleineren und größeren Verunsicherungen, von Freundschaft, Liebe, alltäglicher Einsamkeit oder beiläufiger Interaktion zu erzählen versteht. (Isabella Reicher /DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

  • "Half Nelson"21. 10., Stadtkino, 18.00; Wh.: 22. 10., Gartenbau, 20.30
    foto: viennale

    "Half Nelson"
    21. 10., Stadtkino, 18.00;
    Wh.: 22. 10., Gartenbau, 20.30

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