Gleiches Recht

20. Oktober 2006, 20:24
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Kim Longinotto und Florence Ayisi beobachten in ihrem Dokumentarfilm "Sisters In Law" den Alltag der Rechtssprechung in Kamerun

Die Strafverfolgerin hinter ihrem Schreibtisch und der Mann vor ihr sind gleichermaßen bestürzt. Er hat ein kleines Mädchen mitgebracht, vielleicht fünf Jahre alt, eingeschüchtert, das er auf der Straße aufgegriffen hat. Der Körper der Kleinen weist unübersehbar Spuren körperlicher Züchtigungen auf. Nach und nach lassen sich dem Kind sein Name entlocken und die Tatsache, dass seine Tante ihm diese Wunden zugefügt hat.

In der Folge wird die Schuldige ermittelt, unter Tränen gesteht sie ihre Taten – sie möge aufhören zu heulen und: "Don’t you sister me!", bedeutet ihr die Beamtin energisch. Später wird sie vor Gericht gestellt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Der Fall der kleinen Manka ist eine jener Geschichten, die Sisters in Law von Kim Longinotto und Florence Ayisi begleitet. Die britische Dokumentarfilmregisseurin Longinotto widmet ihre regelmäßig auch bei der Viennale gezeigten Arbeiten seit mehr als zwanzig Jahren Milieus und gesellschaftlichen Problemen, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen – ob es sich dabei um japanische Wrestlerinnen oder um Scheidungsprozesse oder um jugendliche Ausreißerinnen im Iran handelt. Longinotto ist dabei dem Gestus des Direct Cinema verpflichtet, selbst tritt sie nie in Erscheinung, sie ist mit der Kamera präsent. Aber ihre Haltung (und ihre Parteinahme) drückt sich nicht nur in der Wahl ihrer Themen aus.

Frauenrechte

Ihr aktueller Film, bei dem Longinotto mit der gebürtigen Kamerunerin Florence Ayisi zusammengearbeitet hat, hat gleich zu Beginn nach Kumba Town in Kamerun geführt. Vornehmlich weibliche Beamtinnen sind dort mit Rechtsberatung und Rechtsprechung befasst. Klienten und Kläger sind ebenfalls großteils weiblich – und das Gros der Fälle dreht sich, wie jener von Manka, um familiäre Konflikte.

Die Krux dabei ist, dass diese Fälle traditionellerweise gar nicht den Weg vor ein Gericht finden sollten, wenn es nach dem Willen der männlichen Familienmitglieder ginge: So wird etwa Amina, die ihren Mann wegen fortgesetzter körperlicher Misshandlung angezeigt hat, vom Familienrat nahe gelegt, die Sache anders und vor allem abseits der Öffentlichkeit zu regeln. Ladi hat ein ähnliches Schicksal: "She became ungovernable", empört man sich über sie, die ebenfalls vor Gericht geht, um sich ihre Freiheit zu erkämpfen.

"We’ve been suffering in silence, you’ve opened our eyes" – erst ganz am Ende des Films wird die größere gesellschaftliche Bedeutung dieser individuellen Kämpfe deutlich: Da sind Amina und Ladi in einem Seminar mit dem Titel "Women and The Law" zu Gast und werden euphorisch beklatscht. Nach vielen Jahren haben endlich zwei Frauen gegen alle Widerstände auf ihr Recht bestanden. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

  • Richterin und Staatsanwältin kämpfen für die Durchsetzung der Rechte ihrer Mitbürgerinnen: "Sisters In Law" begleitet ihre Arbeit in einer Stadt in Kamerun.	
21. 10., Gartenbau, 13.00;
24. 10., Künstlerhaus, 13.00
    foto: viennale

    Richterin und Staatsanwältin kämpfen für die Durchsetzung der Rechte ihrer Mitbürgerinnen: "Sisters In Law" begleitet ihre Arbeit in einer Stadt in Kamerun.
    21. 10., Gartenbau, 13.00;
    24. 10., Künstlerhaus, 13.00

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