Ehe in Ruinen

20. Oktober 2006, 20:24
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Man muss nicht immer nur Orhan Pamuk herbeizitieren, um differenziertere Bilder der heutigen Türkei zu erhalten – siehe Nuri Bilge Ceylans neuen großartigen Film, die Beziehungsstudie "Iklimler"

Boy meets girl – diesem einfachen, aber ungeheuer effektiven Motiv folgt auch im Kino nicht selten die Ernüchterung: Frau verlässt Mann. Die Distanz und möglicherweise auch die Verachtung (remember Godards Le Mepris), die damit einhergehen, sie sind in Nuri Bilge Ceylans neuen Film Iklimler (zu deutsch: Stimmungen, Wetterlagen) von Beginn an unübersehbar eingeschrieben.

Er, der Mann, ein Archäologieprofessor, gespielt von Ceylan selbst, schlendert und fotografiert da durch antike Ruinen in der Nähe von Kas. Sie, eine Filmproduzentin, dargestellt von der Frau des Regisseurs und Drehbuchautors, Ebru Ceylan, betrachtet ihn aus einer größeren Entfernung mit einer Mischung aus Skepsis und Enttäuschung. Plötzlich beginnt sie lautlos zu weinen. Die darauf folgenden Szenen eines Urlaubs an der türkischen Mittelmeerküste vertiefen das Unbehagen: Körperliche Verspannungen, Unterhaltungen, die jäh in Feindseligkeit umschlagen, der Versuch, mit einem gemeinsamen Mofa-Unfall endlich wirklich Schluss zu machen.

Der Sommer der letzten Gemeinsamkeiten am Meer, ein Herbst narkotisierter Einzelgängerschaft in Istanul (das wie schon in Ceylans letztem Film als von urbanen Intellektuellen behauste moderne Großstadt porträtiert wird), schließlich: Der Versuch einer erneuten Annäherung und Versöhnung im winterlichen, gebirgigen Hinterland, wo gerade ein historisches TV-Drama gedreht wird: Die Türkei und ihre unterschiedlichen regionalen Landschaften ist ebenso Hauptdarsteller in diesem Film wie die Jahreszeiten einer scheiternden Ehe – zuerst in Ruinen, dann in großstädtischen Büros und Wohnungen und am Ende im bäuerlichen Niemandsland.

Präzision auf Video

Dass Ceylan durchwegs mit hochauflösenden Videobildern arbeitet, ist zum einen wohl einer Intimität der Szenen geschuldet, die mit einem größeren filmischen Aufwand so vielleicht nicht erzielt werden hätte können. Gleichzeitig gelingt dem Filmemacher mit den sonst zu falschem Dokumentarismus einladenden Digitalformat eine Präzision in der Lichtführung und in den Raumstimmungen, die man so im zeitgenössischen Kino kaum jemals erlebt. Iklimler wird dabei zu einem Film auch über den Zustand der Intelligenzia eines Landes, der aus individuellen Haltungen zwar keine wie auch immer allgemeingültige Systemkritik ableitet. Dennoch: Auf eine sehr subtile Art erzählt Ceylan etwa über einen männlichen Machismo, der durchaus seine kulturhistorischen Wurzeln hat. Er erzählt über ein Verhältnis zur Geschichte, und wie die nationalen Medien mit ihr umgehen. Er erzählt über eine Nation, die sich in ihren Zentren geradezu multiplexartig europäisch gibt, an den Rändern aber immer noch in tradierten, oft starren Verhältnissen festhält.

Ganz subjektiv: Der schönste Film des Festivals. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

  • Unüberbrückbare Distanz zwischen Mann und Frau: Nuri Bilge und Ebru Ceylan in "Iklimler".23. 10., Gartenbaukino, 20.30Wh.: 24. 10., Stadtkino, 13.00
    foto: stadtkino

    Unüberbrückbare Distanz zwischen Mann und Frau: Nuri Bilge und Ebru Ceylan in "Iklimler".

    23. 10., Gartenbaukino, 20.30
    Wh.: 24. 10., Stadtkino, 13.00

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