Nicht löschbare Flammen

20. Oktober 2006, 20:24
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Von der zerstörerischen Kraft des Begehrens: Regisseurin Claire Simon dringt in "Ça brule" in die passionierte Welt einer jugendlichen Außenseiterin ein

Am Boden liegt Livia (Camille Varenne) nur einmal. Sie ist vom Pferd gestürzt, nun ein wenig benommen, aber kaum verletzt. Jean (Gilbert Meki) spricht die ersten Worte zu ihr aus dem Off. Man weiß zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, wer er überhaupt ist – eine inszenatorische Strategie, um die Wirkung vorweg zu nehmen, die er auf dieses Mädchen ausüben wird: Er tritt in ihr Leben, nachdem sie bewusstlos war. Sirenen sind aus der Ferne zu hören. Jean, der Feuerwehrmann, wird woanders gebraucht.

Feuer ist in Claire Simons Spielfilm Ça brule das bestimmende Motiv. Die jugendliche Livia trägt bevorzugt Rot. Ihr Begehren lodert auf wie eine Flamme und findet in dem um etliche Jahre älteren Jean sein Objekt. Dass er verheiratet ist und ein Kind hat, spielt für sie keine Rolle. Sie wird sich an seine Fersen heften, ohne dabei einen rigiden Plan der Verführung zu verfolgen. Livia handelt impulsiv, ihre Aktionen sind dementsprechend unberechenbar.

In dem kleinen provençalischen Ort, der dem Film als überschaubarer Schauplatz dient, ist sie eine Außenseiterin, weil sie sich in keinen der sozialen Zirkel einfügen will. Ihre Eltern sind geschieden. Der Vater hat kaum Zeit für sie, die Mutter lebt mit einer anderen Frau zusammen. Livia ist nirgends aufgehoben, was der Film aber keineswegs beklagt, weil er sich für die Freiheit der Heranwachsenden interessiert.

Simon schmiegt sich in gewisser Weise an die Wahrnehmung ihrer Heldin an. Die Kamera bleibt oft bewegt und sucht ständig neue Perspektiven. Die Montage ist sprunghaft. Das eindrücklichste Bild für den Eigensinn von Livia verdankt sich ihrer Passion für ihr Pferd, das passenderweise E.T. heißt. Während die anderen Jugendlichen auf ihren Mopeds herumkurven, reitet Livia lieber. Von der gängigen schwärmerischen Beziehung eines Mädchens zu ihrem Pferd gibt es hier aber nichts zu sehen: Livia wirkt auf ihrem Ross einfach nur wild und hemmungslos.

Drängende Wünsche

Ça brule gelingt es, mit solchen kleineren Deplatzierungen, die nie den realistischen Rahmen überschreiten, das Innenleben seiner Protagonistin gleichsam nebenher mit zu entwerfen. In manchen Szenen spricht Livia auch zu sich selbst und gibt damit Einblick in eine von drängenden Wünschen besetzte Welt: Das Blau des Hemdes von Jean ist dann das selbe Blau des Himmels, der eine noch gar nicht richtig greifbare Sehnsucht markiert. Es ist dieselbe assoziative Logik, die sie schließlich zu einem folgenreichen Schritt treibt. Um die Aufmerksamkeit Jeans zu gewinnen, legt Livia ein Feuer im Wald. Das letzte Drittel des Films gehört ganz dem Schauspiel eines Flächenbrands, das der Film gleichsam in Realzeit veranschaulicht. Rauschschwaden ziehen durch die Bilder und verstellen die Sicht, überall flammen kleinere Herde auf, übrig bleibt verbrannte Erde. Großartig, wie Simon hier die Triebwelt ihrer Heldin über eine ganz konkrete Landschaft dramatisch nach außen stülpt. (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

  • Feuerteufel: Die unberechenbare
Livia (Camille Varenne) setzt in "Ça brule" den Wald in Brand.  22.10., 13.00
Gartenbau, 18.00; Wh.: 23. 10., Künstlerhaus
    foto: viennale

    Feuerteufel: Die unberechenbare Livia (Camille Varenne) setzt in "Ça brule" den Wald in Brand.

    22.10., 13.00 Gartenbau, 18.00; Wh.: 23. 10., Künstlerhaus

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