Versiegelte Geschichte der Gewalt

20. Oktober 2006, 20:20
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Wie man fünf Schichten Beton abträgt und in einem reduzierten Sprachkörper ein Verbrechen einfängt, zeigt "Der Kick": Dokumentarfilmer Andres Veiel im STANDARD-Interview

Eine wahre Geschichte: In der Nacht zum 13. Juli 2002 misshandeln die Brüder Marco und Marcel Schönfeld und ihr Freund Sebastian Fink den 16-jährigen Marinus Schöberl.

Täter und Opfer kennen sich. Sie kommen aus Potzlow, einem Dorf sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Die Täter schlagen auf ihr Opfer über Stunden hinweg ein. In einem Schweinestall muss Marinus in die Kante eines Futtertrogs beißen, dann wird er nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus dem Film American History X hingerichtet. Marcel springt auf den Hinterkopf seines Opfers. Die Täter vergraben die Leiche in einer Jauchegrube. Vier Monate später werden die Überreste von Marinus Schöberl gefunden.

Andres Veiel (Black Box BRD, Die Spielwütigen) hat darüber den Film Der Kick gedreht – eine szenische Anordnung für zwei Akteure.




STANDARD: Herr Veiel, warum haben Sie mit zwei Schauspielern gearbeitet und keinen herkömmlichen Dokumentarfilm gemacht?

Veiel: Als ich im Januar 2003, ungefähr zwei Monate nach Bekanntwerden der Tat, nach Potzlow kam, war schon eine Medienwelle über das Dorf hinweggegangen. Die ersten Signale waren: Bleiben Sie weg, es ist genug Schaden angerichtet worden. Als ich den Tätern dann begegnet bin, sah ich zuerst äußere Zeichen: Glatze, eintätowierte Runen, eine Sprache, bei der man sich sehr konzentrieren muss, um alles zu verstehen. Das erschien mir als Ablenkung, deswegen habe ich mich gefragt: Was ist authentisches Arbeiten? Die Schauspieler – Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch – haben keine Ton- oder Videoaufnahmen von den Originalaussagen und Interviews gesehen. Überraschend war, dass sie trotzdem sehr dicht dran waren an den Originalfiguren. Eigentlich eine irre Erfahrung: Man reduziert, reduziert, reduziert, bis man nur den Sprachkörper und einen abstrakten Raum hat. Aber dieser verkürzte Sprachkörper prägt Körper von Menschen.

STANDARD: Mit wem haben Sie zuerst gesprochen?

Veiel: Die Eltern der Täter haben wir über die Anwälte bekommen. Nachdem die bisherige Darstellung in den Medien sich auf das Monsterbild reduziert hatte, ging es bei uns auf jeden Fall um eine Ausdifferenzierung. Das haben die Anwälte sehr schnell verstanden. Sie haben ein Gespräch bei den Eltern ermöglicht: kein Tonband, man durfte nichts mitschreiben. Am Ende sagte die Mutter: Wann kommen Sie wieder? Nach der vierten Begegnung habe ich mitschreiben dürfen, nach der sechsten Begegnung durfte ich ein Tonband einschalten.

STANDARD: Hinter dem konkreten Fall wird enorme historische Bedingung erkennbar.

Veiel: Fünf Betonschichten liegen über dem Dorf. Die erste Schicht war die Kriegserfahrung. Damals gab es viele polnische Zwangsarbeiter, die misshandelt und gedemütigt wurden. Einer der Hauptbeteiligten wurde später LPG-Vorsitzender, da gibt es ein Kontinuum an Macht, das die Geschichte versiegelt. Die persönlichere Ebene: Der Großvater musste ansehen, wie seine Eltern von den Russen stranguliert wurden, die Großmutter wurde vergewaltigt und hat das Kind ausgesetzt.

Danach: Es gab 30 IMs im Dorf. Nach der Wende dann der Verkauf der LPG an einen westdeutschen Investor, wo ein unglaublicher Hass entstanden ist, weil Leute sich über den Tisch gezogen gefühlt haben, während die alte Nomenklatura bei diesem Verkauf beteiligt war. Wir sind an einem heißen Sommertag in eine abgeschlossene Wohnstube geführt worden, vor dem Gespräch wurden die Fenster geschlossen. Das ist ein Sinnbild für diese Versiegelung. Die äußerste Schicht der Gewalt ist der Mord an Marinus.

STANDARD: Zwischen dem Mord und der Entdeckung der Leiche vergingen mehr als drei Monate. Was hat die Polizei in dieser Zeit gemacht?

Veiel: Wenig. Es wurde als Bagatellfall abgetan. Es gab eine Grauzone von Menschen, die sehr viel mehr wussten, aber nichts gesagt haben. Es war bekannt, dass Marinus am Stall den Bauwagen hat – wenn man dort gesucht hätte, hätte man sofort die Leiche entdeckt.

STANDARD: Es gibt Gemeinsamkeiten bei Opfer und Tätern.

Veiel: Marinus hat gestottert, wie die Täter auch. Marcel hatte sich, wenn der ältere Bruder im Gefängnis war, der "Drogen-Clique" angeschlossen, die eher HipHop gehört hat. Beide Familien sind Mitte der Neunzigerjahre ins Dorf gekommen und haben es extrem schwer gehabt. Die Schöberls waren die "Juden" des Dorfes, sie hatten viele Kinder, "die konnten halt nicht aufhören". Der Hof nicht so sauber. Marcel Schönfeld wurde von der Dorfjugend misshandelt – ein Ausgegrenzter schlägt später auf einen anderen Ausgegrenzten drauf.

STANDARD: Marcel Schönfeld stellt dabei eine Filmszene nach, aus "American History X".

Veiel: Allein diese Geschichte ist eine Fundgrube von Erkenntnis. Die eigentliche Aussage dieses US-Films ist sehr klar vom Ende her: gegen rechte Gewalt. Das hat auch Marcel absolut verstanden. Die Kernszene steht eher am Anfang. Ein Afroamerikaner wird gezwungen, in den Bordstein reinzubeißen. Dann gibt es einen Schnitt auf den Täter, auf dessen nackten Oberkörper, das ist sehr ästhetisiert. Das Opfer ist im Off. Dann ist schon die Polizei da, der jüngere Bruder blickt auf den älteren Bruder, er sieht ihn in Zeitlupe, in einer Aura des Unangreifbaren, in einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung. Das ist eine ganz klare Konstruktion eines Heldenmythos. Was ein Film am Ende will, ist zweitrangig. Diese Szene, diese eine Ästhetisierung von Gewalt ist handlungsauslösend – übrigens auch in drei weiteren bekannten Fällen.

STANDARD: Frau Schöberl hat bei Ihnen das letzte Wort. Sie spricht selbst von "Bestialität" und wünscht den Tätern den Tod.

Veiel: Dadurch, dass sie gestorben ist, hatten wir nur Zweitmaterial vom RBB mit ihr. Wir haben die Gespräche nicht selbst geführt, uns dann aber entschlossen, dass wir ihr die Ressentiments auch lassen. Wir geben ihr auch dieses ambivalente Schlusswort, nach einem Film mit klarem Fokus auf die Täterseite. Die eigene extreme Zerrissenheit macht jede Erlösung unmöglich. Deswegen muss die Mutter dort stehen. (Interview: Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.10.2006)

Zur Person
Andres Veiel
ist einer der wichtigsten Dokumentarfilmer Deutschlands. Er wurde 1959 in Stuttgart geboren, studierte Psychologie und absolvierte Regieseminare u. a. bei Krzysztof Kieslowski.
1991 drehte er seinen ersten Dokumentarfilm "Winternachtstraum", 1993 entstand "Balagan". Weitere Filme: "Die Überlebenden" (1996), "Black Box BRD" (2001) über die Ermordung Alfred Herrhausens durch die RAF, und "Die Spielwütigen" (2003).
  • Zwei Akteure und der Regisseur – eine konzentrierte Versuchsanordnung zur Freilegung der Hintergründe einer Gewalttat: "Man reduziert, reduziert, reduziert, bis man nur den Sprachkörper und einen abstrakten Raum hat." 21. 10., 18.00, Metro, 16.00; 22. 10., Künstlerhaus
    foto: viennale

    Zwei Akteure und der Regisseur – eine konzentrierte Versuchsanordnung zur Freilegung der Hintergründe einer Gewalttat: "Man reduziert, reduziert, reduziert, bis man nur den Sprachkörper und einen abstrakten Raum hat."

    21. 10., 18.00, Metro, 16.00; 22. 10., Künstlerhaus

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