Gesteint

23. Oktober 2006, 09:24
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Der Stein vor dem Leopoldmuseum war eine kleine, aber doch sympathische Irritation im staatstragenden Kunsthof

Es war vorige Woche. Und ich habe natürlich alles falsch gemacht. Aber es war auch schon zu lange her, dass ich B. das letzte Mal gesehen hatte: Irgendwas, erinnerte ich mich, war damals doch mit Steinen, Reisen, Fotos und all das weitergeben gewesen – aber so genau hatte ich mir das nicht gemerkt. Deshalb ließ ich den Stein liegen.

B. hatte ich Anfang der Neunziger Jahre das erste Mal getroffen. Er malte. Um ganz ehrlich zu sein: Seine Arbeiten knockten mich nicht aus, aber darum ging es nicht. Denn B. war ein bissi so was wie die Wiener Ausgabe von Henry Rollins. Oder wollte es sein. Und weil ich neugierig war, hing ich ein bisserl mit ihm ab. So viele nette Typen, die behaupteten, Künstler zu sein, kannte ich damals ja auch nicht.

Flusskiesel

B. malte nicht nur, er deponierte auch. Steine. Flusskiesel aus der Donau mit einer kleinen Zeichnung auf der einen und einer Kontaktadresse auf der andere Seite. Glaube ich jedenfalls – denn das Web gab es damals ja noch nicht. Jedenfalls nicht so, dass man da einfach Bilder von hier nach dort hätte mailen können. Schon alleine deshalb, weil keiner gewusst hätte, wie man Fotos vom Papier in unsere Rechner hineinbekommen sollte.

Aber um Web-Präsenz ging es ohnehin nicht: B. träumte davon, mit seiner Kunst ein Netz um die Welt zu spannen. Und der Gedanke, dass überall auf der Welt Menschen seine deponierten Steine aufheben, mitnehmen und eventuell irgendwann weiter af die Reise schicken würden, machte ihn froh. Erstens, weil er an die verbindende Energie der menschlichen Neugierde glaubte. Zweitens, weil er täglich erlebte, dass mehr Menschen als man gemeinhin glaubt, dann tatsächlich ein Foto von sich mit seinem Stein machten – und ihm einen Abzug schickten: Ein fairer Preis für eine Prise Kunst.

Schuhkartons

B. reiste viel. Und hatte schon ein paar Schuhkartons voller Fotos mit Bildern seiner Steine auf der ganzen Welt. Glaube ich jedenfalls heute. Denn in Wirklichkeit habe ich so ziemlich alles rund um B. vergessen – bis ich vorige Woche einen Stein fand. Im Museumsquartier. In der kleinen Nische an der Außenwand des Leopoldmuseums. Der Flusskiesel war faustgroß, lag einfach da und erinnerte mich an irgend etwas. Dass das B. war, erkannte ich aber erst, als ich das Ding in der Hand hielt. Und dass ich den Stein mitnehmen hätte können, kam mir gar nicht in der Sinn: Ich legte ihn zurück – vielleicht ja auch, weil ich dachte, dass der kleine Stein eine zwar kleine, aber doch irgendwie sympathische Irritation im großen, wichtigen und staatstragenden Kunsthof darstellte. Daheim sah ich dann auf die Homepage – und dann kamen die Erinnerungsfragmente wieder.

Ich habe keine Ahnung, was B. heute macht. Das spielt auch keine Rolle. Aber dafür, dass er nach über 20 Jahren immer noch Steine in die Landschaft legt, bin ich ihm dankbar. Einfach so.

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    fotos: rott
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