Kontakterlos heißt nicht organisationslos - Von Markus Enzi

20. Oktober 2006, 15:28
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Meine persönliche Erfahrung zeigt mir aber, dass niemand so an Traditionen und Gewohnheiten klebt, wie unsere Branche

Zunächst eine Definition: „Der Kontakter vermittelt zwischen Werbe-Agentur und Auftraggeber. Er ist für den Kunden der zentrale Ansprechpartner und informiert die Verantwortlichen in der Agentur über Ziele und Erwartungen des Kunden und sein Produkt. Außerdem muss er ein vertrauensvolles Kunden-Agentur-Verhältnis aufbauen und betreut zudem die jeweilige Kampagne.“ (forum-jobline.de)

Immer wieder begegnen mir unterschiedliche Meinungen zur kontakterlosen Werbeagentur. Es ist schon klar, dass eine spitze Positionierung polarisiert - besonders mit Daniel Gantner als Partner (!). Allerdings scheinen mir dabei immer wieder grundlegende Mißverständnisse vorzuliegen. Nicht nur in Bezug auf Gantner.

Erstens wurde dieses Konzept nicht geboren, um einen Berufsstand zu diskreditieren. Ich selbst habe zwei Jahrzehnte lang mit vielen hervorragenden Kontaktern arbeiten dürfen und diese sehr schätzen gelernt.

Zweitens erheben gantnerundenzi keinen Anspruch auf die alleinige Weisheit im Agenturbusiness. Wir bieten lediglich eine Alternative zu herkömmlichen Werbeagenturen. Wir besetzen eine Nische, die bisher nicht besetzt war und offerieren ein besonderes Angebot. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Drittens tun wir nur, was wir unseren Kunden dauernd empfehlen: Wir haben eine klare und einzigartige Positionierung.

Viertens wird kontakterlos oft mit „Chefbetreuung“ verwechselt. Bei uns geht es nicht darum, dass Kunden ausschließlich von Agenturgründern oder Chefs betreut werden, sondern von Kreativen! Ansonsten wäre jedes Wachstum unmöglich oder die Agentur würde nur aus Chefs bestehen.

Und fünftens heißt kontakterlos nicht organisations- bzw. strukturlos.

Ich selbst habe viel Erfahrung im Handling großer Kunden. Gerade diese verfügen heute über perfekt organisierte Marketingabteilungen mit hochqualifizierten Mitarbeitern. Hier tun sich Agenturen oft schon schwer, adäquate Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen. Weshalb erst wieder die Chefs betreuen...

Das kontakterlose Prinzip basiert einzig und allein auf der Tatsache, dass Betreuungsaufgaben von Kreativen wahrgenommen werden. Ihnen obliegt die Pflege des Kunden-Agentur-Verhältnisses sowie die Betreuung der jeweiligen Kampagne (vgl. obige Definition).

Zugegebenermaßen ist dabei besonders darauf zu achten, dass dies Kreative tun, die das a) gerne tun und b) auch können. Doch davon gibt es mittlerweile genug. Schließlich geht der Beruf auch in Österreich bereits in die dritte Generation.

Dazu ist es notwendig, ein gut organisiertes Back Office zu besitzen. Kreationsassistenten, die sich um die täglichen organisatorischen Belange kümmern. Genauso machen es ja die Kontaktassistent(inn)en in herkömmlichen Agenturen. Eine Betreuung großer Kunden ist damit genauso gewährleistet. Zum Kunden gehen dann eben ein oder zwei Kreative mit Assistent(in). Lediglich der herkömmliche Kontakter fehlt.

Es ist nun einmal eine Tatsache, dass sich die Welt um uns verändert. Gerade von Werbeagenturen würde man dabei Bereitschaft zur Innovation erwarten. Meine persönliche Erfahrung zeigt mir aber, dass niemand so an Traditionen und Gewohnheiten klebt, wie unsere Branche. Vielleicht aus der ewigen Angst heraus, die Kunden könnten uns irgendwas übel nehmen, von dem wir selber noch gar nicht wissen was es ist.

Dazu ein Buchtipp: Douglas Rushkoff: Die neue Renaissance. Riemann Verlag 2006

Zur Person
Markus Enzi, vormals Geschäftsführer und Kreativdirektor bei BBDO Austria, gründete gemeinsam mit Daniel Gantner gantnerundenzi.at, die "erste kontakterlose Agentur Österreichs".

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  • Artikelbild
    foto: gantnerundenzi
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