Kommentar der anderen: Freiheitskampf für Raucher?

23. Oktober 2006, 11:12
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Anmerkungen zu Robert Pfallers Unverständnis für verschärfte Antirauchergesetze - von Josef Smolle

Es war abzusehen: Die längst überfällige Diskussion über Rauchverbote in österreichischen Lokalen schlägt Wellen. Solche gibt es immer, wenn sich etwas ändern soll; wenn von ersessenen Rechten abgerückt, wenn Vertrautes obsolet, allgemein Akzeptiertes hinterfragt wird. Und je klarer und vernünftiger eine Reform zu sein scheint, desto kreativer werden die Gegenargumente.

Rauchen ist nicht der einzige gesundheitliche Risikofaktor - wohl aber in den entwickelten Ländern der wichtigste Einzelfaktor, der für ungezähltes Leid und frühen Tod verantwortlich ist. Zudem einer, der - im Gegensatz etwa zur Umweltproblematik - auch für den Einzelnen in den Griff zu kriegen ist.

Wie halblustig ist angesichts dessen das von Robert Pfaller bemühte Argument, dass ja die Nichtraucher auch sterben müssen. Dieser Sager hat schon in unserer Kindheit in der Volksschule die Runde gemacht. Steht man einmal am Krankenbett einer todgeweihten jungen Mutter mit Bronchuskarzinom; und weiß, dass genau dieses Schicksal ohne das unselige Rauchen nicht eingetreten wäre; dann wird wohl jedem die philosophisch-distanzierte Witzelsucht im Hals stecken bleiben.

Killer-Argument

Natürlich sind auch andere Aspekte für die Gesundheit relevant. Aktuelle Studien weisen etwa die immer mehr auseinanderklaffenden Einkommensunterschiede als Risikofaktor aus. Wirtschaftliche und klimatische Lebensumstände, körperliche Konstitution und Umweltbelastungen spielen eine Rolle. Dies außer Acht zu lassen und in diesen Bereichen nicht auf Veränderungen zu drängen, wäre lächerlich. Genau so unsinnig aber wäre es, mit Verweis auf andere "gravierendere Probleme" das Rauchen politisch zu ignorieren.

Im Gegenteil: Jede Gesundheitspolitik, die auf Vorsorge und nicht nur auf "Reparaturmedizin" setzt, hat ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie die Zigarettenkonsum nicht entschieden bekämpft. Rauchverbote in Lokalen würden ja nicht nur die Nichtraucher vor dem lästigen und schädlichen Passivrauchen schützen. Vielmehr würden auch passionierte Raucher weniger oft zur Zigarette greifen, wenn die Gelegenheit dazu eingeschränkt wäre. Am wichtigsten jedoch: Viele Jugendliche beginnen ihre Raucher-"Karriere" beim gemütlichen Beisammensein im Kaffeehaus. Kann man jedoch die Verlegenheit nicht mehr mit lässigem Hantieren mit Rauchutensilien in lustiger Runde überspielen, sondern muss zwecks Nikotinkonsum den Freundeskreis verlassen und vor's Lokal gehen, dann wird vielleicht der Einstieg in die Nikotinabhängigkeit zu einem etwas weniger selbstverständlichen Teil des abendlichen Ausgehrituals.

"Freiheit"

Das Killer-Argument - in doppelter Bedeutung - ist jedoch der Verweis auf die "Freiheit". Welche Freiheit meint Pfaller? Alle Menschen wollen frei sein. Ganz besonders wollen sie frei sein von Leid und vorzeitigem Tod. Wollen wir die Freiheit schützen, dass "jeder nach seiner Fasson" süchtig und krank werden darf? Oder wollen wir die Freiheit von einer Sucht, die in vielen Fällen die Gesundheit und das Leben zerstört?

Zwingend schließt sich die Diskussion an, ob der Staat denn überhaupt soweit in die Freiheit des Einzelnen eingreifen dürfe. Man fühlt sich unwillkürlich an die über einige Jahre erbittert geführte Auseinandersetzung zur Anschnallpflicht im Auto erinnert: Auch damals haben sich manche körperlich oder seelisch eingeengt und ihrer Freiheit beraubt gefühlt. Auch dass es auf den Gurt gar nicht ankomme, und andere Aspekte des Verkehrs viel wichtiger seien, wurde ins Treffen geführt. Nun, da der Rückgang der schweren Verletzungen und Todesfälle auf der Straße eine deutliche Sprache spricht, regt man sich über den "staatlichen Eingriff" in die Freiheit des Autofahrers nicht mehr auf. Und dass man vor roten Ampeln - im eigenen Interesse und im Interesse anderer - anhalten soll, haben wir ja letztlich auch alle akzeptiert. Ganz ohne kleine Diktatoren.

Selbstregulierung?

Fast schon wieder originell mutet der Vorschlag an, der Markt solle das doch selbst in Ordnung bringen. Bei einer Sucht ist nun einmal der Markt kein guter Regulator, und die Freiheit des Konsumenten ohnehin eine Chimäre. Wirklich selbstentlarvend aber ist der Markt in der Dritten Welt. Gerade in Ländern, in denen für uns selbstverständliche Grundlagen der Gesundheit wie sauberes Trinkwasser und kalorisch ausreichende Ernährung noch längst nicht gewährleistet sind, dort expandiert der Zigarettenkonsum und macht die arme Bevölkerung noch ärmer. Wenn Pfaller dann noch den Regierungen - nicht unberechtigt - vorwirft, sich blindlings dem Kapital zu unterwerfen, gleichzeitig aber wünscht, dass sie vor den Tabakkonzernen in die Knie gehen, dann führt sich die Argumentation selbst ad absurdum.

Insofern ist der nächsten Regierung in der Tat Mut zu wünschen. Denn noch einmal: Beim Rauchverbote in Lokalen geht es nicht nur um den Schutz der Nichtraucher. Es geht auch und nicht zuletzt um den Schutz der Raucher und noch mehr um Hilfestellung für diejenigen, die vor der Entscheidung stehen, Raucher oder Nichtraucher zu sein. Das Verbot wäre jedenfalls ein entscheidender Schritt zu einer Gesundheitspolitik, für die Prävention mehr ist als ein Lippenbekenntnis. (DER STANDARD Printausgabe, 20.10.2006)

Zur Person
Der Autor ist Arzt und Professor für Neue Medien an der Medizinischen Uni Graz

Nachlese
Rauchverbote: Die große Stunde der kleinen Diktatoren

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    Zwischen Rebellion und Karzinom: "Stone" Keith Richards kann das Rauchen am Arbeitsplatz nicht lassen und musste dafür zuletzt in Glasgow Bußgeld zahlen

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