Irrwege in einer aufgesplitterten Welt

20. Oktober 2006, 12:14
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Salman Rushdie im STANDARD-Interview über das Revival der Religionen, die Wurzeln des Terrors und die Wichtigkeit von Romanen in Zeiten wie diesen

Beim Literaturfestival "Literatur im Nebel" diskutierten Salman Rushdie und Gudrun Harrer. Eine Dokumentation, transkripiert von Sebastian Fasthuber.


Die Zeiten haben sich geändert, seit Salman Rushdie 1989 für seinen Roman "Satanische Verse" mit der Fatwa belegt wurde. Der britisch-indische Autor bewegt sich inzwischen zwar wieder wie ein freier Mann und ohne Bodyguards durch die Welt, die Verhältnisse indes sind noch viel komplizierter und prekärer geworden.

Wo man hinsieht, Brüche zwischen den Kulturen. Zu ebendiesen Kulturbrüchen sprach Rushdie beim ihm gewidmeten Festival Literatur im Nebel mit Standard-Außenpolitik-Ressortleiterin Gudrun Harrer. Sie finden für ihn beileibe nicht nur zwischen dem Westen und dem Islam statt, auch durch die einzelnen Kulturen ziehen sich massive Risse. Dagegen bringt Rushdie den Roman in Stellung.


STANDARD: Ich freue mich, dass ich zwölf Jahre nach unserem ersten Gespräch wieder mit Ihnen sprechen darf. Andererseits ist es schade, dass Sie mit einer Außenpolitikredakteurin reden, nicht mit einer Kulturredakteurin, obwohl Sie als normaler Romanautor behandelt werden möchten. An Ihrem jüngsten Roman "Shalimar der Narr" hat mir die Position von Kaschmir sehr gut gefallen, wo Kultur ursprünglich nicht mit Religion gleichgesetzt wird. Was sich dann aber ganz radikal ändert.

Salman Rushdie: Im Moment bekommen wir allerorts vorgeführt, wie sehr es den Weltreligionen an Kultur mangelt. Als ich ein junger Mann war, bin ich aufgewachsen in einer Welt, in der Kultur etwas Weltliches war. Ich bin sehr erstaunt darüber, wie sich alles zurückentwickelt hat.

In meiner Jugend war Religion uncool, ein Revival der Religion als wichtige Kraft in der Weltpolitik schien undenkbar. Während wir cool waren und inhalierten, haben leider die Uncoolen die Welt übernommen. Das ist jetzt das Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Ich finde es seltsam, denn die Diskurse der Religion scheinen so wenig mit unserer modernen Welt zu tun zu haben. Ich habe immer noch Probleme, religiöse Eiferer ernst zu nehmen. Vielleicht ist das sogar richtig so, und wir brauchen in Wahrheit noch mehr Cartoons wie die in Dänemark.

STANDARD: Haben Sie nicht manchmal den Eindruck, dass sich die Atmosphäre auch in Europa ändert? Mir ist das erstmals aufgefallen, als ich vor ein paar Jahren die ersten betenden Bettler auf der Straße gesehen habe.

Rushdie: Das kann ich bestätigen, und mir gefällt dieser Wechsel der Atmosphäre nicht. Nehmen wir nur England her. Da können wir eine Rückkehr der religiösen Sprache ins Zentrum der politischen Macht beobachten, obwohl England nun wirklich das am wenigsten religiöse Land ist. Ich finde solche internen Auseinandersetzungen und Verschiebungen übrigens viel spannender als den "Zusammenprall der Zivilisationen" oder die Kulturbrüche, die wir zum Thema haben.

Der Westen selbst ist alles andere als monolithisch, wie auch der Islam. Es ist eine sehr aufgesplitterte Welt. Wenn man so möchte, ist das einzig Verbindende der Terrorismus. Die radikalen Terrorgruppen sind ja auch offensichtlich in den letzten Jahren näher zusammengerückt. Aber die Welt, für die sie zu kämpfen behaupten, ist zutiefst gespalten. Und die Ersten, die wirklich vom radikalen Islam unterdrückt werden, sind die Muslime.

STANDARD: Ähnliches passiert auch in Kaschmir.

Rushdie: In diesem Mikrokosmos werden die Leute von den Jihadisten auf der einen Seite und auf der anderen von Indien unterdrückt. Die Welt ist ein komplizierter Ort, deshalb mag ich keine Vereinfachungen. Aber es steht sicher eine Art von Islam mit einer Art von Westen in Konflikt. Der junge israelische Schriftsteller Edgar Keret hat kürzlich einen guten Bericht über einen Kampf zwischen konservativen israelischen Siedlern und liberalen israelischen Studenten geschrieben. Beide Gruppen sind aus New York eingewandert. Keret fragte sich: Warum haben sie nicht gleich in Brooklyn gekämpft?

STANDARD: Sind Sie in Indien heftig kritisiert worden für Ihre Einschätzung des Kaschmir-Konflikts in "Shalimar der Narr"?

Rushdie: Im Gegenteil, sowohl der Premierminister als auch der Oppositionsführer haben mich gelobt. Ich war richtig perplex, denn das ist mir noch nie passiert. Vielleicht setzt sich meine Sicht auf die Dinge langsam durch. Das ist ja nicht nur meine Meinung, sondern auch die von Journalisten, die die Gegend ständig beobachten.

STANDARD: Kommen wir zur Person Shalimar. Er durchläuft eine Terroristenkarriere, wie wir sie uns vorstellen. Er lernt töten, er verkehrt mit Leuten, die Osama Bin Laden persönlich kennen. Aber er ist auch getrieben von einer persönlichen Geschichte.

Rushdie: Er verkörpert kein klassisches Modell eines Terroristen. Ich glaube, dass Menschen aus vielen Gründen gewalttätig werden können, und nicht alle davon sind ideologischer Natur. Manche Leute sind sicher prädestiniert dazu, jede Mafia wird Perverse anziehen. In Kaschmir wiederum schließen sich viele Leute dem Jihad an, weil es die einzige bezahlte Arbeit ist, die sie kriegen können. Sie bekommen Kleidung, Essen und einen Gehaltsscheck, das alles kann ihnen die zerstörte Wirtschaft nicht bieten.

STANDARD: Wie ist das bei Shalimar?

Rushdie: Bei ihm kommen mehrere Gründe zusammen. Einer ist, dass er ein gebrochenes Herz hat, weil ihn seine Frau für den amerikanischen Botschafter verlässt. Er fühlt sich in seiner Männlichkeit verletzt. Die Tatsache, dass er zu einer Waffe greift, ist für ihn ein Versuch, seine Männlichkeit wiederherzustellen.

Zu dieser inneren Katastrophe kommt die äußere Katastrophe in dem Dorf rundherum. Eines, was sein Ausbildner von ihm fordert, kann Shalimar jedoch nicht: Er kann nicht seine Weltsicht durch eine andere ersetzen, dieser Indoktrination widersetzt er sich. Kurz gesagt: Er ist kein Terrorist, sondern ein Mörder, weil er aus persönlichen Gründen tötet.

Es liegt in der Natur der Romankunst, Konflikte zu individualisieren und einen kleineren Maßstab anzulegen. Ich spreche nicht über alle Terroristen, sondern über diese eine Person und warum sie in eine Sackgasse geraten ist. Schriebe ich anders, wäre es ein Sachbuch.

STANDARD: Jetzt sind wir doch wieder bei typischen Themen gelandet, über die man mit Außenpolitikredakteuren spricht.

Rushdie: Ich habe gehört, dass auch Außenpolitikredakteure Romane lesen!

Im Ernst: Ich glaube, dass Romane derzeit sehr wertvoll sein können, weil wir das Persönliche momentan komplett aus den Augen verlieren. Vor lauter Theorien, Ideologien und großen Konflikten tritt der einzelne Mensch in den Hintergrund. Wir sollten uns jedoch fragen, was den Einzelnen zu Entscheidungen veranlasst. Man kann zwei Menschen gleicher Herkunft nehmen und an eine Kreuzung stellen. Einer wird links gehen und kein Gewehr nehmen, der andere wird rechts gehen und ein Gewehr nehmen. Warum reagieren sie auf dieselben Reize nicht gleich?

Die Antwort könnte der Roman geben, weil er das Persönliche ins Zentrum rückt. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2006)

  •  "Auch Außenpolitikredakteure lesen Romane!" Salman Rushdie im Gespräch mit Gudrun Harrer.
    foto: standard/fischer

    "Auch Außenpolitikredakteure lesen Romane!" Salman Rushdie im Gespräch mit Gudrun Harrer.

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