Sicherheitsexperte Thränert im Interview: "Neuer Test würde Wettrüsten provozieren"

24. Oktober 2006, 12:58
84 Postings

UN-Sanktionen sind der einzige Weg im Umgang mit Nordkorea, ein entschlossenes Vorgehen der Staatengemeinschaft wäre auch ein Signal an den Iran

Standard: Wie groß ist die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht?

Thränert: Die Gefahr besteht vor allem darin, dass das internationale Regime zur Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen nicht mehr dauerhaft aufrechterhalten werden kann, wenn Nordkorea und auch der Iran hinsichtlich ihrer Atomwaffenprogramme nicht gestoppt werden können. Wir würden es dann im Nahen und Mittleren Osten und in Ostasien mit einer neuen nuklearen Rüstungsdynamik zu tun bekommen. Außerdem stünde auf die Dauer die Autorität des UN-Sicherheitsrats und damit die internationale Ordnung in Frage.

Standard: Die Sorge vor einem Wettrüsten ist also berechtigt.

Thränert: Durchaus. In Ländern wie Japan wird jetzt sehr viel offener über die Möglichkeit einer eigenen Atombewaffnung diskutiert. Dies zeigt, dass der nordkoreanische Nukleartest nicht ohne Wirkung bleibt in der Region. Das dürfte sich noch verschärfen, falls Nordkorea eine Testserie nachsetzt. Was möglich ist: Über genügend spaltbares Material verfügen sie.

Standard: Sind die UN-Sanktionen der richtige Ansatz?

Thränert: Es war absolut notwendig, dass der Sicherheitsrat geschlossen agiert und Strafmaßnahmen verhängt hat. Ob sie zum Ziel führen, ist fraglich. Aber es gibt keinen anderen Weg.

Standard: Ist ein Militärschlag eine Option?

Thränert: Die US-Regierung hat klar ausgeschlossen, dass militärische Optionen auf dem Tisch sind. Es wäre auch problematisch: Nordkorea verfügt über eine starke Armee, jedenfalls zahlenmäßig. Außerdem könnten die Nordkoreaner mit Artilleriegeschossen, die möglicherweise auch chemisch bestückt sind, die Großregion Seoul beschießen, wobei viele Menschen getötet würden.

Standard: Bush hat Nordkorea davor gewarnt, Atomwaffen an den Iran oder die Al-Kaida weiterzugeben. Ist das realistisch?

Thränert: Nordkorea hat in der Vergangenheit schwunghaften Handel mit Raketen und Raketenbauteilen betrieben. Das war eine wesentliche Devisen-Einnahmequelle. Daher ist es nicht auszuschließen, dass es auch mit Kernwaffen handeln wird. Mit Terrororganisationen hat das Regime noch nicht zusammengearbeitet, aber es nicht ausgeschlossen, dass Al-Kaida versuchen wird, sich über Nordkorea Zugang zu verschaffen.

Standard: Was bedeutet die aktuelle Entwicklung für den Atomstreit mit dem Iran?

Thränert: Die ganze Entwicklung um Nordkorea wird in Teheran aufmerksam verfolgt werden. Sollte die Staatengemeinschaft die Sanktionen wie beschlossen implementieren, ist es ein klares Signal an Teheran, nicht auf China oder Russland zu setzen, um zu hoffen, dass es keine Sanktionen geben wird. Ich hoffe, dass Irans Führung dann einsichtig wird und die Urananreicherung suspendiert, um Verhandlungen zu ermöglichen. (Das Interview führte Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2006)

  • Zur Person: Oliver Thränert (47) leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Foto: SWP
    foto: swp

    Zur Person:
    Oliver Thränert (47) leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Foto: SWP

Share if you care.