Am Yalu-Fluss bröckelt die Freundschaft

15. Februar 2007, 16:02
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Eiszeit zwischen China und Nordkorea: Erstmals wird die Grenze zwischen den beiden Nachbarn gesichert - Eine Reportage

Die Eiszeit zwischen China und Nordkorea zeigt sich vor allem in der Grenzregion: Peking errichtet Stacheldraht, Pjöngjang verhängt Reiseverbote, Händler fürchten um ihr Geld. Die Zahl auf dem Mamorblock spiegelt die neue Realität im chinesisch-koreanischen Verhältnis wieder. Im renovierten Museum in der Grenzstadt Dandong am Yalu-Fluss gibt sie erstmals ungeschminkt kund, mit wie vielen Opfern China seinen Kriegseintritt in Korea bezahlte: 183.108 "Freiwillige" starben.

Freiwillige, so wurden die Soldaten der Volksbefreiungsarmee genannt, die im Herbst 1950 heimlich über den Yalu-Fluss setzten, um Nordkoreas Herrscher Kim Il Sung überleben zu helfen. Peking erinnert mit der Ausstellung an seinen Krieg aus Solidarität, den es für die patriotische Erziehung seiner Jugend weiterhin glorifizieren lässt. Doch 53 Jahre nach Kriegsende stimmt die Chemie entlang der 260 Kilometer Grenze, die Dandong und Nordkorea verbinden, schon lange nicht mehr. Kims Atomversuch belastet die Menschen im Grenzgebiet Dandong und entlang des "Freundschaftsflusses" Yalu nun noch mehr.

Beton und Stacheldraht

Erstmals wird die Grenze gesichert. Überall dort, wo bisher nur schmale Bäche oder ein Feldweg mit wackligem Holzschild "Weitergehen verboten" die Grenze markierte, rammen Soldaten zweieinhalb Meter hohe Betonpfeile in den Boden und ziehen Stacheldraht. "Sie schirmen uns vor einem Exodus befürchteter Flüchtlinge im Winter ab, wenn das vom Yalustrom und Bächen durchzogene Grenzgebiet festfriert," sagt ein Anwohner. Im fernen Peking heißt es, die Zäune seien harmlos. Die China Daily zitiert einen Offizier mit den Worten, der Stacheldraht diene dazu, "Menschen und Vieh abzuhalten, irrtümlich die Grenzen zu übertreten".

Vor Dandongs Staatsreisebüro protestierten etwa am Mittwoch zwei Dutzend schimpfende, von weither angereiste Chinesen. Sie hatten einen Vier-Tage-Ausflug nach Nordkorea gebucht. Nun erfahren sie, dass Pjöngjang über Nacht ein Reiseverbot für alle chinesischen Touristen erlassen hat.

Händler dürfen weiter über die Grenze fahren. Aber sie sorgen sich, ob sie ihr Geld bekommen. Die Zweigstelle der nordkoreanischen Transferbank Kwangseon hat geschlossen, angeblich wegen Feiertagen. Dandongs Banken haben Dollar- und Euroüberweisungen gestoppt, die "China Southern Airlines", Chinas zweite Fluglinie, die Nordkorea anfliegt, will vom 27. Oktober an ihren Verkehr einstellen. Dandongs Außenhandelsgesellschaft sorgt sich um hohe Außenstände, die nordkoreanische Einkäufer bei ihr haben.

Über die große Yalubrücke, über die der Eisenbahn- und LKW-Verkehr abgewickelt wird, sieht man nur jeweils zwei, drei Lastwagen in Abständen ankommen. In den Zollstationen werde ihre Ladung schärfer untersucht als sonst, behaupten nordkoreanische Fahrer. "Sie vergleichen Inhalt und unsere Angaben auf dem Ladezettel". Ein Mitarbeiter der Dandong Gesellschaft für Bergbauausrüstungen spricht lediglich von einer Umsetzung bestehender Verordnungen. Das betreffe auch seine Ausfuhren. "Wir dürfen schon seit letztem Jahr keine computergesteuerten Maschinen nach Nordkorea verkaufen."

65 Kilometer östlich von Dandong liegt bei Hekou die im März 1951 von den USA zerbombte Brücke, über die 1950 Chinas "Freiwillige" heimlich nach Nordkorea einströmten. Die Brücke ist vor einigen Jahren für chinesische Touristen geöffnet worden. Eine besondere Attraktion sind Bootsfahrten vom chinesischen Ufer aus auf dem hier über einen Kilometer breiten Yalu. Die Fahrten führen provozierend nahe am nordkoreanischen Ufer vorbei. Chinas Reisende, darunter auch viele Südkoreaner, bestaunen vom Boot aus die Armut ihrer Nachbarn im Norden. Sie leben längst in zwei verschiedenen Welten. (Johnny Erling aus Dandong/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2006)

  • Lastwagen passieren die Brücke nahe Dandong. Die Kontrollen bei der Einreise nach China sind strenger geworden.
    foto: standard/erling

    Lastwagen passieren die Brücke nahe Dandong. Die Kontrollen bei der Einreise nach China sind strenger geworden.

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