"Schmähschriften" in akademischer Umgebung

29. Oktober 2006, 19:01
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Werner Michler erwartet nicht, das Ende der Vorlesung noch mitzuerleben - Teil Zwei der derStandard.at/Uni-Serie

Wien – Ein soziales Ereignis, das im Audi-Max statt findet: Werner Michler, Universitätsassistent an der Germanistik, erklärt im zweiten Teil der Vorlesungsreihe, "warum man sich um die Vorlesung keine Sorgen machen muss".

"Trampelnde" Gemeinschaft

Den "Treffpunkt Audi-Max" beschreibt Michler als akademische Umgebung. Genauer beschreibt er das Geschehen im Hörsaal als "Gemeinschaft innerhalb von Gemeinschaften", in der getrampelt, gemurrt, geklopft wird und in der "Schmähschriften" entstehen.

Früher, so der Germanist, galt die Vorlesung als "Ort demonstrativen Wissens" – ein Ort, an dem der Wissenschafter sein Wissen den Studierenden vorführen konnte. Im 19. Jahrhundert sei die Vorlesung deshalb die Königsgattung der universitären Lehre gewesen. Die ältesten akademischen Lehrform verlange nach Originalität, einer Neuheit des Vorgetragenen. Die Kontinuität gehe dabei von der Uni selbst aus.

Aktive Hörer

Heute sei das "Gattungsensemble" der Lehrveranstaltungen viel komplexer. Wissen werde auch in Proseminaren oder Übungen weitergegeben – oder in Seminaren, laut Michler die heutige Königsgattung unter den Kursformen. Die Vorlesung sei trotzdem nicht gefährdet, auszusterben, denn Studierende können auch "hörend höchst aktiv sein".

"Rührende" Besetzung

Die Vorlesung ist aber nicht immer Ort der Wissenschaft, sondern manchmal auch ein Ort der Heteronomie. Der Universitätsassistent erinnert daran, dass in den Anfangszeiten des Audi-Max in den 30er-Jahren Demonstrationen geplant waren. Die Besetzung des Audi-Max im Jahr 1987 habe ein "rührendes Gefühl der Verbundenheit" hervorgebracht. Diese sozialen Ereignisse und "Störungen" prägen nach Ansicht Michlers die Geschichte der Vorlesung, auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Die Geschichte der Uni beinhalte demnach auch die Geschichte der Kriege.

Mit diesem Hintergrund wäre es falsch, die Vorlesung als reine Lehrform zu reduzieren. Da soziales Geschehen ihren Charakter prägt, glaubt Michler an das Überleben der Vorlesung. "Es ist nicht zu erwarten, dass wir das Ende der Vorlesung noch miterleben dürfen", äußert sich der Vortragende vor seinem Publikum. Ob das gut oder vielleicht doch nicht gut ist, kann er selbst nicht beantworten. (lis)

Die Ringvorlesung "Vorlesung²" wurde von Arno Dusini und Lydia Miklautsch konzipiert und richtet sich an HörerInnen aller Fakultäten. Die Vorlesungen finden im Wintersemester 2006/07 jeden Mittwoch um 18 Uhr c.t. statt.

Nächster Vortrag: Alfred Ebenbauer: "Schall und Rauch" - Vortragende als RhetorikerInnen"

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Vorlesung² an der Uni Wien

  • "Idealer Ort für Proteste": Im März 2000 besetzten AktivistInnen das Audimax, um gegen die Schwarz-Blaue Regierung zu protestieren.
    foto: standard/cremer

    "Idealer Ort für Proteste": Im März 2000 besetzten AktivistInnen das Audimax, um gegen die Schwarz-Blaue Regierung zu protestieren.

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