"Derveni-Papyrus" größtenteils entziffert

27. Oktober 2006, 13:14
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Griechischer Archäologe gibt Forschungsstand zur Rekonstruktion des "gigantischen Puzzles" bekannt

Athen/Thessaloniki - Eine der ältesten bekannten literarischen Schriften Europas, der rund 2.400 Jahre alte "Derveni-Papyrus", ist größtenteils entziffert worden. Dies gab der griechische Archäologieprofessor Kyriakos Tsantsanoglou von der Universität Thessaloniki bekannt. "Jahrzehnte lang haben wir gearbeitet, um dieses gigantische 'Puzzle' zu rekonstruieren", sagte er der Athener Zeitung "Kathimerini" am Mittwoch. Die Entschlüsselung des 1962 in einem antiken Grab nahe Thessaloniki entdeckten, halbverbrannten Papyrus könne neue Erkenntnisse über die Welt der Antike bringen. Ein Buch über die neuen Forschungsergebnisse ist nun in Griechenland in englischer Sprache erschienen.

Der Text ist nach Ansicht von Philologen und Archäologen sehr wichtig für die Jenseitsvorstellungen in der Antike. "Darin kann man erkennen, welche Ansichten die Menschen damals hatten, was nach dem Tod folgt", sagte Giorgos Karamanolis, Professor für antike Philosophie an der Universität Kreta, der Zeitung.

Alter

Der Papyrus des unbekannten Verfassers enthalte "mystische" und technische Informationen über Zeremonien der damaligen Zeit, hieß es. Der Text stamme mindestens aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, er könne aber auch noch älter sein. Anderen Schätzungen zufolge soll die Schriftrolle um 340 vor Christus, während der Herrschaft von Philipp II. von Mazedonien, Vater von Alexander dem Großen, geschrieben worden sein.

Inhalt

Im Mai hatten Experten von der Brigham-Young-Universität im US-Staat Utah mit einer Multispektralanalyse verbesserte Bilder von dem Papyrus gemacht. Diese wurden u.a. von Papyrologen der Universität Oxford analysiert (derStandard.at berichtete). Zum Inhalt der Schrift wurde indessen nichts Neues bekannt gegeben: Im Papyrus setze sich der Verfasser mit den in der griechischen Mythologie überlieferten Erfahrungen des Orpheus in der Unterwelt auseinander und entwerfe ein komplexes System über das Reich der Toten. Dem König Orpheus, eine Figur aus der Sagenwelt, soll es gelungen sein, in den Hades (Unterwelt) abzusteigen. Aus den neuen Hades-Erkenntnissen war damals ein sektenartiger mystischer Kult unter anderem zur Seelenwanderung entstanden, der unter dem Namen Orphik bekannt ist.

Der Papyrus sei offenbar nach dem Tode seines Besitzers zusammen mit ihm verbrannt und anschließend dem Grab beigefügt worden. Für mehr als 40 Jahre galt der Text als nicht entzifferbar. (APA/dpa/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein neu veröffentlichtes Bild des Derveni-Papyrus

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