Lauter Flaschen in der Schule

21. Oktober 2006, 16:00
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Aus der alten Schule von Göttlesbrunn wurde ein feudal ausgestattetes Restaurant samt Vinarium, wo die edlen Gewächse des Ortes entsprechend präsentiert werden

Mit dem überaus gemütlichen "Jungwirt" im Winzerhof Paul verfügt Göttlesbrunn zwar über ein Wirtshaus der Extraklasse, verglichen mit der Vielfalt grandioser Winzer, die den Ort im Weinbaugebiet Carnuntum zur wohl spannendsten Rotweingemeinde Niederösterreichs adeln, war das dennoch ein bissl wenig. Seit vergangener Woche aber hat nun Adi Bittermann (vormals "Vikerl's Lokal", Wien-Fünfhaus) sein Restaurant in der opulent ausgebauten, alten Schule am Kirchplatz eröffnet.

Die Bauarbeiten zogen sich über Jahre hin, Verzögerungen durch den (gleich mehrmaligen) Konkurs von Baufirmen haben Bittermann und seine charmante Frau Bettina als "höhere Gewalt" abzuhaken gelernt, gelohnt hat sich die Geduld freilich allemal: Aus dem stattlichen, an ein Palais erinnernden Gebäude wurde alles Schulische entfernt, es präsentiert sich als luxuriös ausgebautes Edel-Restaurant samt weitläufigem "Vinarium" im Obergeschoss, wo die Gewächse aller namhaften Winzer Göttlesbrunns präsentiert werden. Das war auch eine Auflage der Gemeinde gewesen, die im Gegenzug fast die Hälfte der (mit 1,2 Millionen Euro recht feudalen) Umbaukosten übernahm.

Stoppelgeld und Shuttledienst

Die Weine können samt und sonders zu ab-Hof-Preisen gekauft werden - im Restaurant werden schlanke acht Euro Stoppelgeld fällig, wodurch etwa der großartige Pinot Noir von Ernst Lager mit wohlfeilen 22 Euro verrechnet wird. In weiser Voraussicht hat Bittermann deshalb einen Shuttledienst von und nach Wien einrichten lassen.

Der Eingangsbereich wurde mit Naturstein ausgelegt, die Wände mit Blenden edler Weinkisten aus aller Welt austapeziert, sodass etwa ein Netzl aus Göttlesbrunn in die Nachbarschaft weltberühmter Namen wie Marquis de Las Cases oder Giacomo Bologna gerückt wird. Rechts vom Eingang wurde eine vergleichsweise bodenständige "Winzerstube" eingerichtet, damit sich, so Bittermann, "auch die Dorfbevölkerung wohlfühlen kann".

Denn das Restaurant samt mächtigem Wintergarten ist tatsächlich von der imposanten Art, mit stuckiger Zwischendecke, aufwändiger Beleuchtung, großflächigen Gemälden und farbigen Wänden in Erd- und Weintönen. Man sitzt auf breiten Lederfauteuils mit bunt gestreiften, osmanisch anmutenden Rückenpolstern aus Samt und darf sich auch sonst der Wirklichkeit des kleinen Ortes an der Ostautobahn entrückt fühlen. Der Kontrast zu "Vikerl's Lokal" könnte größer nicht sein.

Dafür hat sich Bittermann bei der Gestaltung der Speisekarte von dezidiert wertkonservativen Grundsätzen leiten lassen - sie wurde kaum verändert aus dem Vikerl übernommen. "Ich will ja, dass unsere Stammgäste uns hierher folgen, da darf ich sie nicht mit allzuviel Neuem überfordern", meint er, "die Leute wollen schließlich ihre Klassiker wiederfinden."

Das gilt auch für das vorzüglich gesurte, köstlich marinierte Schweinshaxl - die Flußkrebse aus der Lake dazu haben leider bloß dekorativen Charakter. Roh marinierter Lachs mit tollem Schmelz kontrastiert wunderbar mit "knusprigem Erdäpfelsalat", worunter frittierte Rohscheiben zu verstehen sind, die mit schwungvoll angemachten Vogerlsalat aufgetürmt werden. Die Preise sind kulant, die Portionen gargantuesk - da sollte auch die Dorfbevölkerung nicht lange auf sich warten lassen. (Severin Corti/Der Standard/Rondo/20/10/2006)

Bittermann
Abt-Bruno-Heinrich-Platz 1
2464 Göttlesbrunn
Tel.: 02162/81155
Mi-Mo 11-23 Uhr
VS € 3,50-7 HS € 12-18
  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer
  • Beim Umbau der alten Schule zu einem Restaurant samt Vinarium  wurde nicht gespart. Küchenchef und Betreiber Adi Bittermann aber hält an seiner "betont bodenständigen" Küchenlinie fest

Fotos: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer

    Beim Umbau der alten Schule zu einem Restaurant samt Vinarium wurde nicht gespart. Küchenchef und Betreiber Adi Bittermann aber hält an seiner "betont bodenständigen" Küchenlinie fest

    Fotos: Gerhard Wasserbauer

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