Hanns Zischler über Nabokovs "Zauberer"

19. Oktober 2006, 17:00
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... und im Handumdrehen fühlt sich der Leser als verfolgter Verfolger

Nina Berberova, die leidenschaftliche Chronistin der russischen Emigrantenszene im Paris der Dreißigerjahre, findet das richtige Wort, um die Wirkung von Nabokovs Schreiben auf seine überraschte und entzückte Leserschaft zu fassen: "Nabokov schreibt nicht nur in einer neuen Art, sondern wir lernen von ihm, auf eine neue Art zu lesen. Er kreiert einen neuen Leser. Von ihm haben wir erfahren, dass es in der modernen Literatur nicht darum geht, sich nicht mit den Helden zu identifizieren, wie dies unsere Vorfahren taten, sondern mit dem Autor selbst, in welcher Verkleidung er sich auch vor uns verbergen, in welcher Maske er vor uns auftauchen mag."

Der Plot erinnert, laut Nabokov, an die lapidare Kürze von Felix Fénéons Nachrichten zu drei Zeilen: "Der Mann war Mitteleuropäer, das anonyme Nymphchen Französin, und die Orte der Handlung waren Paris und Provence. Ich ließ ihn die kranke Mutter des kleinen Mädchens heiraten, die bald darauf starb, und nach einem missglückten Versuch, die Waise in seinem Hotelzimmer zu missbrauchen, warf sich Arthur unter die Räder eines Lastwagens." Scharf werden Nahaufnahmen mit wunderlich weiten Panoramen verschränkt. Er zwingt uns, der verqueren Lüsternheit dieses Mannes aus nächster Nähe zu folgen: und im Handumdrehen fühlt sich der Leser als verfolgter Verfolger.

Und es wird uns keine Ruhe und Distanz gegönnt, wir sollen, zwischen Abscheu und Neugier hin und her gerissen, erleben, wie der zum Stiefvater mutierte Liebhaber gegen sein allzu lange aufgespartes Begehren eine geradezu wollüstige Enthaltsamkeit aufbieten muss, um dem kitschig-süßen Albtraum immer währenden sexuellen Glücks delirieren zu können. Wonderland wird vor unseren Augen zertrampelt. Der Eindringling zerfällt nicht, wie später in "Lolita", in zwei Widersacher, die um dasselbe Mädchen ihren Veitstanz aufführen. Humbert Humbert und Quilty sind in diesem Entwurf noch unentmischt eine einzige Figur. "Der Zauberer" bricht am Ende den Stab über sich selbst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2006)

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