"Point Blank"

19. Oktober 2006, 17:00
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Lee Marvin, Angie Dickinson, John Boorman und die in reiner Unschuld vollzogene Rache

"Walker" heißt er. Ein Mann aus Schritten. Für Mal Reese und seine Kumpane heranschreitend wie das apokalyptische Unglück. Aber wie das ungebremste Glück für den Kinozuschauer: der Racheengel, der Rache nimmt nach allen Regeln der Kunst, wie kein Traum es umfassender könnte. Eine Minute, vierzehn Sekunden lang dröhnen Lee Marvins Fußtritte, zu deren Schall er in unser Bewusstsein hineinschreitet durch eine Art Geschichtstunnel, hell erleuchtet, zu Beginn des Films.

Über den Schritten Bilder verschiedener Orte aus Zukunft und Vergangenheit: der erste ist die Wohnung seiner Ex-Frau Lynn, die Walker verlassen hatte mit Mal Reese, seinem besten Freund. Plot: Der beste Freund entpuppt sich als der beste Feind, Mal = das Böse. Nach gemeinsamem Coup, Raubüberfall, schießt Mal auf Walker und setzt sich ab mit dessen Frau und dessen Anteil. Walker bleiben die Mauern von Alcatraz. Jetzt ist er zurück. Ich war in Point Blank hineingeraten wegen der Namen auf dem Plakat - Lee Marvin, Angie Dickinson, so fantastisch gut in Don Siegels The Killers. So einen Film wollte ich wieder sehen.

Der Vorspann war schon vorbei, Point Blank lief schon ein paar Minuten, so sah ich ihn als Fortsetzung von The Killers - und ganz selbstverständlich als Don-Siegel-Film. In diesem Irrtum blieb ich für Jahre. Exakter habe ich mich nie geirrt. Niemand, außer Don Siegel, macht sonst solche Filme und auch John Boorman hat keinen solchen mehr gemacht. Es sind die Gesichter und die gleiche Vorstellung vom Machen makellos-diamantener Thriller, die diese Filme miteinander verbinden, entsprungen allesamt im Fluchtpunkt Howard Hawks: Film Noir auf der Höhe der späten Sechzigerjahre. Der Filmschnitt des englischen Newcomers Boorman in diesem Film auf der Höhe, die Alain Resnais oder Luis Buñuel für das europäische Bewusstseinskino zu diesem Zeitpunkt gesetzt hatten. Befeuert durch die amerikanische Präsenz von Lee Marvin, ungeheuer.

Europa allein hat nur einen Thriller, der es mit Point Blank aufnehmen kann, Jean-Pierre Melvilles Der zweite Atem, den man leider nie zu sehen bekommt. Point Blank: die in reiner Unschuld vollzogene Rache, völlig "amoralisch", filmisch geschliffen im wörtlichsten Sinne; und selbstverständlich straflos am Ende. "Ganz große Klasse" sagt anerkennend am Schluss der gedungene Killer, dem diese Beute, The Walker, entgeht. Nicht jeder Rachegott muss faschistisch sein. Was mehr kann das Thriller-Kino bieten als diese reine Utopie. (Klaus Theweleit / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2006)

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