Barbara Vine: "Die im Dunkeln sieht man doch"

19. Oktober 2006, 17:00
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Zweites Gesicht als klassisches Motiv unheimlicher Literatur oder: Wenn Ruth Rendell zu Barbara Vine wird

Das zweite Gesicht des Menschen ist ein klassisches Motiv unheimlicher Literatur. Wenn Dr. Jekyll zu Mr. Hyde wird, verwandelt er sich in ein unberechenbares Monster; wenn Ruth Rendell hingegen zu Barbara Vine wird, verwandelt sich die britische Thriller-Autorin in eine der besten psychologischen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Während in den Inspektor-Geschichten Rendells die Verbrecher wie üblich gejagt werden, liegen in den unheimlichen Romanen Vines die Verbrechen meist lange zurück, selbst die Schuldigen stehen oft fest, was indes keinesfalls zulasten der Spannung geht. Denn die Art, wie Vine die mysteriösen Abgründe der menschlichen Seele auslotet, überlässt dem Leser durch geschickte Montage der notwendigen Fakten in Dokumenten und Gesprächen jene detektivische Arbeit, die sonst der Kommissar zu leisten hat.

Auch "Die im Dunkeln sieht man doch" ist ein klassischer Whydunnit, dessen Faszination im biografischen Rätsel einer Familienstruktur liegt. Oder, wie die erzählende Hauptfigur erkennt: "Mord ist eine Sache der ganzen Familie, er zeichnet das Kainsmal auf viele Stirnen. Zwar wird es um so blasser, je entfernter der Verwandtschaftsgrad ist, aber es ist da und brennt sich ins Gehirn. Ein zufälliges Wort enthüllt es, so wie eine Geheimschrift schimmernd ans Licht kommt, wenn man sie ans offene Feuer hält."

Die Frage, um die es geht, betrifft ihre Tante Vera Hillyard, die wegen des Mordes an ihrer jüngeren Schwester Eden zum Tod verurteilt wurde. Und sie betritt drei Jahrzehnte später in Gestalt des Schriftstellers Stewart ihr Haus, der "eine biografische Neubewertung des Falls" plant. Der Widerstand, auf den er stößt, hat vor allem mit den fatalen Folgen des Mordes zu tun, der die gesamte Familie auseinanderfallen ließ. Allen voran litt Faith' Vater John, der sämtliche Briefe und Fotos seiner Schwestern verschloss, um durch nichts mehr an das Leid erinnert zu werden.

Mit den Augen von Faith, der Hüterin des Gedächtniskästleins, das nun nach all den Jahren wieder geöffnet wird, sehen wir, wie sich die Geschichte der ungleichen Schwestern entfaltet. Während des Zweiten Weltkriegs wird die junge Faith immer wieder aufs Land geschickt, wo sie zur Zeugin der gefährlich engen Beziehung zwischen Vera und Eden wird. Vera hatte einst ihrer Schwester Eden das Leben gerettet. Als mit Veras zweitem Sohn ein anderes Baby zwischen sie und die frisch verheiratete Eden tritt, die keine Kinder bekommen kann, verwandelt sich das vormals vertraute Verhältnis der Schwestern in einen bis in den Wahnsinn eskalierenden Kampf um das Sorgerecht des Kindes.

Im Verlauf der Recherchen stößt der Schriftsteller dann in der unmittelbaren Umgebung Veras auf mehrere unaufgeklärte Kindsmorde, und die Heldin gewinnt die tragischen Qualitäten einer Märtyrerin. Die entscheidende Pointe darf hier natürlich nicht verraten werden, der literarische Winkelzug der Geschichte schon: Der Schriftsteller bricht das Buch zur Erleichterung aller ab, da er plötzlich auf die Lösung einer viel brennenderen Frage stößt - die Aufklärung der Kindsmorde.

Ein Kriminalroman als Verhinderung des Buches beim Schreiben - eine Finte, die zum gewieften Handwerk Vines passt. (Eckhart Nickel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2006)

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