Alle an die Farbtöpfe, bitte

2. März 2007, 17:07
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Gegen die zunehmende "Vollkaskomentalität" der Wanderwege-Benutzer weiß sich der Alpenverein abzusichern

Dem scharfen Auge von Hellfried Scharf entgeht nichts. Die rot-weiß-rote Markierung, vor etlichen Jahren auf einen Felsen gepinselt, ist inzwischen von Moos überwachsen und daher kaum mehr sichtbar. Und ein paar hundert Meter weiter verdeckt Gestrüpp die Farbmarke auf einem Baumstamm. Zeit für den 66-Jährigen, mit Handsäge, Farbtöpfen und Pinseln auszurücken und den viel begangenen Wanderweg vom Pfaffensattel zum Alois-Günther-Haus im Semmeringgebiet neu zu markieren.

Hellfried Scharf ist Wegereferent der Alpenvereinssektion Edelweiß Wien und als solcher ehrenamtlich für die Instandhaltung von 167 Kilometern Berg- und Wanderwege verantwortlich. Diese verteilen sich auf vier Arbeitsgebiete, in Wien, der Steiermark und Salzburg, überall dort, wo "die Edelweiß" auch Schutzhütten betreibt.

Die Zeiten, da AV-Sektionen einmal im Jahr ihre Jugend- und Jungmannschaftsgruppen zum Wegeeinsatz vergattern konnten, sind Vergangenheit, und so startet Scharf regelmäßig in der Sektionszeitschrift einen Aufruf: "Das Edelweiß-Wegereferat sucht engagierte Mitarbeiter/ Helfer für Wegeerhaltung und Markierung in seinen Arbeitsgebieten." Angesprochen fühlen sich vorwiegend ältere Jahrgänge, nur vereinzelt auch weibliche Sektionsmitglieder.

Über 40.000 Kilometer Berg- und Wanderwege sind es in Österreich, die allein der Alpenverein betreut. Detaillierte Erhebungen über andere Wegeerhalter gibt es bisher nur für die Steiermark, in der laut "Steirischen Wanderwegekatalogs" von den fast 10.000 Kilometern Wanderwegen der Alpenverein mehr als 7100 Kilometer, die Naturfreunde fast 1600, der Touristenklub 1000 und einige kleinere alpine Gesellschaften knapp 200 Kilometer betreuen.

Die Erschließung der Alpen durch Wanderwege ist so alt wie das Bergsteigen selbst. Gab es vorher schon Wege und Steige für Verkehr und Handel - Kaisertöchter ließen sich im Mittelalter in Sänften über die Schweizer Berge schaukeln, Wein wurde auf Lasttieren nach Norden, Salz nach Süden transportiert - so begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Anlegen von Wegen für Wanderer und zum Bau sowie die Versorgung von Schutzhütten.

Anfangs nur zögerlich und mit Hindernissen. So verschuldete sich der Pfarrer und Alpinismuspionier Franz Senn in Vent im Ötztal schwer, als er Wege von Zwieselstein nach Vent und weiter über die Rofenhöfe persönlich vorfinanzierte und dann von der öffentlichen Hand im Stich gelassen wurde. Weil sich auch der anfangs sehr elitär strukturierte Österreichische Alpenverein (gegründet 1862) an der Finanzierung von Wegen nicht interessiert zeigte, beteiligte sich Senn 1869 an der Gründung des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München -, der in der Folge zahlreiche Schutzhütten auf österreichischem Gebiet baute. Heute werden von den 40.000 Kilometer Alpenvereinswegen in Österreich ungefähr 15.000 von DAV-Sektionen betreut, vor allem in den westlichen Bundesländern.

Die lange Zeit von Bergsteigern heftig diskutierte Frage, ob alpine Wanderrouten markiert werden oder ungekennzeichnet bleiben sollen, ist längst entschieden. Die Markierung dient nicht nur der Sicherheit einer stark steigenden Zahl von nicht immer nur erfahrenen Wanderern, sondern auch dem Naturschutz: Sensible Biotope sollen umgangen werden, das Wild soll möglichst unbehelligt bleiben.

Eine wichtige Aufgabe der Wegeerhalter ist angesichts der europaweiten Weitwanderwege die Vereinheitlichung der alpinen Markierungen, die eine von Nizza bis zum Wienerwald durchgehende Orientierung möglich machen soll und 1997 vom Dachverband der europäischen alpinen Vereine, dem Club Arc Alpin (CAA) beschlossen wurde. Danach sollen Richtungstafeln, die Ziele und Gehdauer angeben, gelb sein, die laufenden Markierungen sollen die Farben Rot-Weiß-Rot erhalten, die Nummerierung der Wege soll dreistellig sein, wobei die erste Ziffer die Gebirgsgruppe bezeichnet und Weitwanderwege als zweite Ziffer eine 0 haben.

Wie Peter Kapelari, Chef des Hütten- und Wegereferats im Verwaltungsausschuss des ÖAV, erfreut konstatiert, sei die Subventionierung der Wegeerhaltung durch Bundesmittel sowie Lotto-Toto-Gelder durch einen Parlamentsbeschluss gesichert. Die Zusammenarbeit mit den Tourismusverbänden (wichtige Nutznießer von Wanderwegen) funktioniere regional unterschiedlich gut, vorbildlich etwa im Gasteinertal.

Trotzdem aber kommt der AV nicht ohne bezahlte Arbeit von Wegebauern aus, besonders nicht in den Hochalpen mit den alljährlichen schweren Schäden durch Lawinen und Muren. Sieben Euro die Stunde, in Salzburg nicht unter zehn Euro, zahlt Wegereferent Scharf von der Sektion Edelweiß für solche Dienste.

Gegen die zunehmende "Vollkaskomentalität" vieler Bergwanderer, die am liebsten für jeden verstauchten Knöchel den Wegeerhalter verantwortlich machen wollen, hat der Alpenverein eine Versicherung abgeschlossen. "Noch sind alle Prozesse abgeblitzt", stellt Wegereferent Kapelari befriedigt fest.

Ausnahme: Brückengeländer müssen das Gewicht von Benützern aushalten, die sich draufsetzen. Ein möglicher Ausweg laut Kapelari: "Dann machen wir halt Brücken ohne Geländer." (Horst Christoph/Der Standard/Rondo/20.10.2006)

Literatur: Walter Strasser: "Steirischer Wanderwegekatalog der alpinen Vereine". Hrsg. vom Fachverband alpiner Vereine Steiermarks, 2004.
Infos: Alpenverein
  • Von Nizza bis zum Wienerwald soll es einheitliche Markierungen geben, die rot-weiß-roten werden aber erhalten bleiben.
    foto: ch. schwann/oeav

    Von Nizza bis zum Wienerwald soll es einheitliche Markierungen geben, die rot-weiß-roten werden aber erhalten bleiben.

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