Der Brunnen auf dem Platzl

2. März 2007, 17:07
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Anhand dreier historischer Werbeplakate erzählt Martin Prinz eine Österreichbildgeschichte

Unlängst wachte ich auf und glaubte, ich hätte jemanden umgebracht. Nicht im Traum, sondern davor. Mehr wusste ich nicht. Der Bach neben dem Haus meiner Eltern plätscherte, und unten vor der Tür warteten die beiden Katzen auf ihre Fütterung. Mord, dachte ich, so fühlte sich das an, und hätte es doch mit keinem Wort beschreiben können. Höchstens, dass das Plätschern des Baches mehr ein Sinneseindruck als ein Geräusch gewesen war. Weit näher an mir, als sich ein an Garten und Haus vorbeifließender Bach in Wirklichkeit anfühlen dürfte. Viel zu nah. Was war geschehen? Am Vortag war ich kurz nach Mittag hier angekommen. Wie immer, wenn meine Eltern auf Urlaub gefahren waren, war ein Zettel auf dem Küchentisch gelegen. Ich hatte ihn nur kurz überflogen, wusste ich doch auch ohne diese Informationen, wo das Katzenfutter war, dass ich die Post aus dem Briefkasten holen und den Kompost nicht zu lange in der Küche stehen lassen sollte. Alles war wie immer. Und trotzdem wurden diese Listen jedes Jahr länger - oder auch gerade deswegen.

Und dann? Dann war ich in den Ort hinuntergefahren. Auch das machte ich nach dem Ankommen nie anders. Auf der Brücke über die Traisen waren mir Schüler entgegengekommen. Unwillkürlich hatte ich die Musik im Autoradio lauter geschaltet. Dabei hatten die in kleinen Grüppchen die Brücke überquerenden Schüler genauso wie sonst ausgesehen. Ihr Dahintrotten, die großen Taschen, die kurzen Beine.

Warum mir am nächsten Morgen aber durch den Kopf ging, ich hätte die Musik in diesen Augenblicken besser abgestellt als sie lauter gedreht, auch das sollte ein Rätsel bleiben. Mich selbst hatte ich dabei bestimmt nicht in einer dieser Gruppen über die Brücke gehen gesehen. Doch da hatte ich die Bundesstraße und die Eisenbahnschienen auch schon überquert und war auf dem "Platzl" eingebogen, wie der kleine etwas unterhalb des Stiftes liegende Hauptplatz der Ortschaft hieß.

Natürlich war auch hier alles so, wie ich es nur zu gut kannte. Trafik, Post, Bäckerei, Versicherungsagentur. Und ein erst vor zwei, drei Jahren mithilfe von EU-Geldern wiedererrichteter Brunnen. Während das Wirtshaus am Platz schon vor ein paar Jahren ausgezogen und ins Stift hinauf übersiedelt war. Wegen der Bustouristen. Obwohl es immer als das "rote" Wirtshaus im Ort gegolten hatte.

Ich setzte mich in den Schanigarten der Café-Konditorei. Der Espresso war nicht gut, das war er nie, dafür war der Überblick bestens. Und wie so oft war ich bei der Frage angekommen, ob mich der Kirchturm hier, fiele er im nächsten Augenblick um, treffen würde, oder doch im Dastehen nur höher schien, als er umgestürzt reichte.

Immer wieder tauchten vor dem Stiftsportal unterdessen geschäftige Schüler auf, wirkten ganz anders, als ein gewöhnlicher Schultag sie aussehen ließe. So als hätten sie wirklich etwas zu tun. Und ohne dabei die mit Seidenpapier beklebten Fenster jenes Stiftstraktes, in dem das Gymnasium untergebracht war, überhaupt gesehen zu haben, war mir klar, dass an dem Abend Maturaball war. Sektbar und Polonaise im Kaisersaal, Krawatten und Cocktailkleider, tanzschulartiges Erwachsengewordensein. So war das. Zumindest war es vor vierzehn Jahren für mich so gewesen.

In der Nacht war ich dann noch einmal in den Ort gefahren, hatte in der Bar am "Platzl", unweit der Café-Konditorei, ein kleines und ein großes Bier getrunken. Die Musik war schlecht gewesen und die Stimmung schwer. Daran änderte nichts, dass schließlich immer mehr junge Männer und Frauen in Ballkleidern hereinkamen. Zu deutlich fehlte es ihnen an Haltung, Leichtigkeit, Eleganz. Genauso wie sich auch an der Tatsache nichts geändert hatte, dass in den Lokalen hier die Leute sich zuerst stundenlang belauerten, um sich dann, wenn sie betrunken genug waren, haltlos zu verbrüdern.

Nach Hause war ich dann mit umso lauterer Musik gefahren. Und einer benommen stumpfen Müdigkeit. Dass ich vor dem Einschlafen noch eines der Zimmerfenster geöffnet hatte, fiel mir nach dem Aufwachen zwar wieder ein. Das viel zu nahe Bachrauschen konnte es jedoch genau so wenig erklären, wie den Eindruck, die Sonne hätte dabei schon die längste Zeit geschienen. Tauchten doch erst jetzt, nach einiger Zeit bloßen Daliegens, die ersten Strahlen über der anderen Talseite auf.

Beim Anziehen fröstelte mich, in der Küche schaltete ich auch gleich wieder Musik ein. Doch es hörte nicht auf. Das Plätschern des Baches an mir hörte sich nach immer größeren Wassermassen an. Nach einem See, oder gar Meer, über dessen Oberfläche ein Boot oder Floß von einem Ungetüm an Menschen hinwegbewegt wurde. In mechanisch lächelnder Bewegung, ohne Blick zurück. Ich fütterte die Katzen. Im Talkessel lag dicker, heller Nebel. Gestern ist heute morgen. Einzig der Kirchturm schaute hervor. Dabei fielen mir die roten Schuhe der Monroe ein, in "River of no return". (Martin Prinz/Der Standard/Rondo/20.10.2006)

Martin Prinz, Autor, lebt in Wien: Zuletzt erschien "Puppenstille"", Jung und Jung 2003.
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    foto: österreichwerbung
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