Gemeinsam zahlen

24. Oktober 2006, 18:08
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Charakterdisposition der Mitspeisenden erkennen - Oder: Auf Kosten der anderer Leute schmeckt es am besten

+++Pro
Von Christoph Winder

Auch wenn es Österreicher und Deutsche gar nicht gerne haben: In vielen zivilisierten Ländern wie beispielsweise Frankreich wird man sich mit der Marotte, im Restaurant einzeln bezahlen zu wollen, sehr schnell eine barsche Abfuhr holen. Gut so! Denn erstens ist die kollektive Bezahlung eine beträchtliche Erleichterung für das Kellnergewerbe, das solcherart von lästiger Rechenarbeit entlastet wird.

Zweitens aber, und das ist der sozial wichtigere Aspekt, sind die Zecher oder Esser nach der Bezahlung der Rechnung zu der psychodymanisch hochinteressanten Zusatzarbeit angehalten, nun gruppenintern für finanziellen Ausgleich zu sorgen. Dabei lassen sich gute Einblicke in die charakterliche Disposition der Mitspeisenden gewinnen, und mit ein wenig Aufmerksamkeit wird man bei dieser Verhandlung leicht feststellen können, ob man mit einem kleinlichen Gierhammel oder einem verantwortungslosen Leichtfuß zu Tische saß. Um es in Abwandlung einer alten Wiener Redensart zu sagen: Durchs Zahlen kommen die Leut zamm.

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Contra---
Von Severin Corti

Beim Zahlen wird's heikel, da verlass ich mich lieber auf den Volksmund - da ist man immer auf der sicheren Seite - und weiß die schweigende Mehrheit hinter sich: "Schnaps ist Schnaps und Gschäft ist Gschäft." Das ist Weisheit, das stellt sie ruhig, jene gar so kosmopolitischen Mitesser, die in Wahrheit nur reinhauen wollen, weil's auf anderer Leute Kosten nun einmal am besten schmeckt.

"Gehn's, noch eine Dose Kaviar bitte, Blinis hamma derweil noch." Ich weiß nicht, wie's Ihnen geht, ich höre Sätze wie diese nur, wenn nachher unter Garantie alle zusammenlegen müssen - inklusive meiner selbst, der ungelegte Eier aus Prinzip nicht essen würde. Da hilft nur eines: Charakter. Wenn es ans Zahlen geht, verlier ich lieber ein paar "Freunde" als Knödel, die im Rachen anderer landen. Deshalb fahre ich auch nicht mehr ins Ausland. In London oder Paris etwa wird "getrennt zahlen" in den besseren Restaurants einfach nicht akzeptiert. Aber, was heißt schon "besser"? In Wahrheit wird das Essen im Ausland sowieso immer schlechter. (Der Standard/Rondo/20/10/2006)

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