Müßiggänger

3. Oktober 2007, 10:42
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Nouvelle Vague viennoise: „Die Verwundbaren“

Im Zentrum der Erzählung steht eine Clique junger großstädtischer Müßiggänger: der Lebemann Timo und sein Freund Bobby; Lou, die zuerst die Geliebte des einen war und nun inständig den anderen will, der jedoch seinerseits nur ein Abenteuer sucht; die arglose Lilly, in der die Männer ein Spielzeug sehen; der unglückliche Julian, der Axel liebt, und diesen an die Verführungskunst seiner Stiefmutter verliert.

 

Ihre Zeit verbringen sie mit weiteren Gleichgesinnten in Cafés, mit Flanieren oder auf wilden privaten Festen. Viel von der Stadt rückt dabei ins Bild: Wien, die Gegend um die Oper oder in Stadtparknähe.

Die (erotischen) Spannungsverhältnisse zwischen den Frauen und Männern liefern den dramatischen Treibstoff: Eine/r stört immer („Muss Timo überall dabei sein?“). Und immer wieder wird durch sein oder ihr Auftauchen eine ohnehin labile Beziehung zwischen Zweien (mutwillig) hintertrieben.

Bis das gelangweilte, spielerische Treiben am Ende Opfer fordert. Der Film mit dem Titel Die Verwundbaren ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum Beispiel wegen seiner semidokumentarischen Stadtansichten, die ohne touristische Anhaltspunkte auskommen. Oder aufgrund seiner ästhetischen Nähe zu den Erneuerungsbewegungen des europäischen Nachkriegskinos: Die französische Nouvelle Vague ist ein Referenzpunkt, aber genauso gut fühlt man sich auch an I Vitelloni oder an Arbeiten von Jean Cocteau erinnert.

Leo Tichat,Maler und Architekt, Anfang der 1950er-Jahre Mitinitiator eines Avantgardestudios bei der Schönbrunn- Film und immer wieder an Arbeiten von Herbert Vesely beteiligt, wechselt in seinem einzigen Spielfilm zwischen dynamischen Aufnahmen an Originalschauplätzen und stilisierten Einstellungen, die in ihrer forcierten Inszenierung (und Statik) wie Fotografien wirken.Vomtiefen Schwarz abstrahierter Räume heben sich Körper, Körperdetails und vor allem die Gesichter der Akteure ab. Posen und Habitus schreibt der Film seinerseits dem Kino zu („Machen die das immer so?

Aus welchem Film haben sie das?“). Der Cool-Jazz von Erich Kleinschuster intoniert dazu ein Lebensgefühl. Die Verwundbaren entstand im Jahr 1965, als eine von nur neun österreichischen Produktionen, darunter Männer in den besten Jahren erzählen Sexgeschichten (Regie: Frits Fronz), Frauen, die durch die Hölle gehen (Regie: Rudolf Zehetgruber) oder Susanne – Die Wirtin an der Lahn (Regie: Franz Antel). Die Titel stehen symptomatisch für eine lähmende Phase der österreichischen Filmgeschichte, als allein noch mit Frivolitäten Kasse zu machen war. Auch Die Verwundbaren wurde schließlich umgeschnitten und unter dem Titel Engel der Lust in Wiener Sexkinos gezeigt – im Gartenbau- Kino lief während des Drehs, wie man zweimal im Bildhintergrund sehen kann, passender Weise Der Untergang des Römischen Reiches.

Isabella Reicher, Filmkritikerin des Standard; Redakteurin von kolik.film

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