Beim Schauen zuschauen

21. Oktober 2006, 16:01
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Mit ein paar hundert platzsuchenden Menschen Audienz bei der "Queen", Empfang im viennale-beflaggten Rathaus, ein Gute-Nacht-Besuch in der Urania und was danach geschah: Viennale-Blog Tag 0 und 1

Foto: Viennale
"L'année suivante" (F 2006)
Julia Wibmer
(So., 15.10., 00:05)

l’année suivante:
sie schaut nur, aber man weiß, was sie denkt sie wartet, und man weiß, was sie stattdessen lieber tun würde sie sagt wenig, aber das sagt viel es wurde mir nicht fad, der schauspielerin beim schauen zuzuschauen

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Die Viennale 06 ist erst wenige Stunden alt, die STANDARD-Publikumsjury kurze Zeit im Dienst... Um 07:07 am Samstag erreicht uns der erste Viennale-Blog-Eintrag von Maria Poell.

Audienz bei der "Queen", Empfang im Rathaus und Gute-Nacht-Besuch in der Urania

Maria Poell (Sa., 14.10., 07:07)

Foto: Viennale
nächtens in der Viennale-Zentrale
Tag 1 (13.11.).... Mittags die Akkreditierung abholen im Pressebüro im Hilton, vorsichtig nachfragen ob es sowas wie Notstandshilfe gibt bei Terminkollisionen? Weil ich mich ja schon seit ungefähr einem dreiviertel Jahr auf diesen einen Film freue (Heart Beating in the Dark)- der natürlich nur einmal und zeitgleich mit einem Jurypflichttermin gezeigt wird. Oh my grrrrrrr. Ich versuch mal, die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Karten reservieren für Samstag und Sonntag. Und dann mit der "Theme for the Young at Heart" von Bonnie Prince Billy in die Arbeit radeln, zum Turboarbeiten. Derart beschwingt löst auch die Herbstsonne Frühlingsgefühle aus.

17h.... Erstes Jurytreffen im Café Prückel, erste Diskussionen darüber, wie objektiv Filmwahrnehmung überhaupt sein kann und wie weit wir uns gegenseitig argumentativ von der Qualität der Filme überzeugen können.

Wir sind uns nicht einig. Für mich ist das spannend, auch wenn ich nicht daran zweifle, dass Filmerfahrung etwas höchst Subjektives ist und kein Argument greift, wenn mich ein Film schlicht und einfach nicht berührt.

Etwas einiger sind wir uns, als es darum geht, ob eine Jurywahl vorzuziehen ist, deren Ergebnis ein Film ist, den wir alle irgendwie ok finden - oder eine Entscheidung für einen Film, den drei von uns grossartig finden und zwei ganz furchtbar. Wenn ich mich richtig erinnere, dann gabs da zumindest eine leichte Tendenz pro Leidenschaft und kontra Kompromiss.

Foto: Viennale
19.30h und ein paar hundert platzsuchende Menschen später.... Gabriele Flossmann hat nicht nur meine Sympathien, als sie in Anspielung auf Tony Blairs Kniefall vor der Queen meint, ein bisschen Demut würde vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Bundeskanzlern nicht schaden.

Diese Ansage hallt für mich in den Worten von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny nach. Von der Hoffnung auf ein offeneres Kulturklima ist da die Rede, davon, dass Kritik und inhaltliche Auseinandersetzung als Bereicherung und nicht Gefahr begriffen werden können. Von notwendiger Selbstkritik, weil unser Bemühen um Integration zu kurz greift und weil wir uns daran gewöhnen, rassistische Wahlplakate zu übersehen. Es soll um Inhalte gehen und nicht um Posten. Zwischen den Zeilen geht es in meinen Ohren dann aber doch auch um Letzteres, die selbstlose Zurückhaltung ist ja vielleicht auch ein Bewerbungsasset. So sie glaubwürdig ist.

Ob ich Eric Pleskow glauben soll, wenn er meint "Ich muss schon sagen, der Herr Stadtrat fehlt mir"? Nach Pleskows kritischem Humor wirken die wohl bald hier nachzulesenden Worte von Hans Hurch auf mich noch mehr wie eine Trauerrede. Und vielleicht ist das indirekt dann doch ein kleiner Anknüpfungspunkt zum Eröffnungsfilm. Eine lose Anknüpfung, weil der Anlass und die Qualität der Trauer doch so grundverschieden sind. Am Ende steht die Hoffnung, auf das, was sein wird. Und auch wenns wohl nicht so gemeint war, ich lese darin auch die Hoffnung auf die Filme, Begegnungen und Auseinandersetzungen der kommenden Tage. Und ich frag mich, wie gross wohl die gemeinsame Schnittmenge der Hoffnungen des Kulturstadtrats und des Viennaledirektors ist.

Drehbuchautor Peter Morgan hofft nicht, sondern verspricht. Einen Film, der "very short" sein wird und "some jokes too" zu bieten hat. Irgendwie irritiert mich das, dass er damit den meisten Applaus des Abends erntet.

So very short wars dann doch nicht, aber Helen Mirrens Darstellung der Queen fesselt mich von der ersten Szene an. In der gleich der Satz fällt, der mir so superpassend zum baldigen Publikumsjurydasein scheint.... "I envy you being able to vote: the sheer joy of being partial." Was folgt ist unterhaltsam und nicht unspannend. Die grossartigste Leistung des Films bleibt für mich dabei aber die Wirkung, die die Queen auf mich hatte. I couldn´t help but like her, against all odds and previous indifferences. Und am liebsten war sie mir in Gummistiefeln.

Foto: Viennale
23h.... Empfang im viennalebeflaggten Rathaus. Buffet, Gespräche, frankophone Musik in der Lounge. Und dann gegen halb 3h doch noch ein Gute-Nacht-Besuch in der Urania, beim Eröffnungsfest für "alle" - alle, die dort reinpassen. Es ist immer noch voll, der Boden vibriert, schwer zu sagen ob wegen der tanzenden Leute oder der (ziemlich feinen) Musik aus den Boxen. Tut gut, um den Tag hinter sich zu lassen, einfach zuzuhören und zuzuschauen. Kurze Begegnungen mit Freunden und Bekannten.

Und irgendwann die Entscheidung: Jetzt darf und will ich schlafen gehen. Energie sammeln für das, was vor mir liegt. Viele viele viele bewegte Bilder.

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