Djindjic-Prozess: Kronzeuge bringt Seselj mit Mafia in Verbindung

20. Oktober 2006, 14:05
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Ultranationalistenführer stellte sich dem UNO-Tribunal zwei Wochen vor Ermordung des Regierungschefs

Belgrad - Ein Kronzeuge im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des serbischen Regierungschefs Zoran Djindjic soll laut Medienberichten den Ultranationalistenchef Vojislav Seselj mit der Mafia-Gruppe im Belgrader Stadtviertel Zemun in Verbindung gebracht haben. Die Zemun-Mafia war laut der Anklage zusammen mit mehreren Angehörigen einer inzwischen aufgelösten Sonder-Polizeieinheit, der "Roten Barette", im März 2003 an der Ermordung Djindjics beteiligt.

Der Chef der Zemun-Mafia, Dusan Spasojevic, soll Seselj nach Angaben des ehemaligen Mafia-Angehörigen Dejan Milenkovic "Bugsy" Informationen über die Hintergründe zahlreicher Mordanschläge im Belgrad der 1990er Jahre geliefert haben. Der Chef der Serbischen Radikalen Partei (SRS) soll derselben Quelle zufolge vom Mafia-Boss auch Geld für den Wahlkampf seiner Partei, den Bau seines Einfamilienhauses sowie einen Geländewagen erhalten haben. Spasojevic war nach dem Mord an Djindjic bei einem Festnahmeversuch durch die Polizei ums Leben gekommen.

Freiwillig gestellt

Der Ultranationalistenchef hatte sich zwei Wochen vor dem Anschlag auf Djindjic freiwillig dem UNO-Kriegsverbrechertribunal gestellt. In der Öffentlichkeit wurde wiederholt darüber spekuliert, dass Seselj genaue Informationen über die Mordpläne der Zemun-Mafia gehabt haben dürfte. Am Vorabend seiner Abreise nach Den Haag meinte der Ultranationalist, dass ähnlich wie Djindjic auch der einstige jugoslawische Präsident Josip Broz kurz vor seinem Tod (im Jahre 1980) Probleme mit dem Bein gehabt hatte. Djindjic hatte sich kurz zuvor einem Eingriff am linken Fußgelenk unterziehen müssen.

Die SRS wies die Vorwürfe gegen Seselj energisch zurück. Es sei am leichtesten, Seselj anzugreifen, der sich nicht verteidigen könne, erklärte der amtierende Parteichef Tomislav Nikolic.

Der SRS-Chef wurde vom UNO-Tribunal der Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und der nordserbischen Provinz Vojvodina angeklagt. Der Prozess gegen Seselj soll im November beginnen. Im Mordprozess Djindjic sind 13 Personen angeklagt, sechs davon sind weiter flüchtig. (APA)

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