Der Treibstoff der Gewalt

15. März 2007, 14:14
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Anibal Gaviria, Gouverneur der Provinz Antioquia, im STANDARD-Gespräch über neue Wege abseits der Drogenkriminalität

Anibal Gaviria, junger Gouverneur der kolumbianischen Provinz Antioquia, berichtet im Gespräch mit dem Standard, was aus der Warte eines bürgerlichen Politikers getan werden kann, um der unter Armut leidenden Bevölkerung neue Wege in die Zukunft abseits der Drogenkriminalität zu eröffnen.

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Wien - "Es ist leicht, ein negatives internationales Image zu bekommen, aber es ist schwer, das zu ändern", sagte Anibal Gaviria (40), Gouverneur der Provinz Antioquia in Nordwest-Kolumbien, im Gespräch mit dem Standard. Hauptstadt der 5,6 Millionen Einwohner zählenden Provinz ist das als Drogen- und Gewaltmetropole bekannt gewordene Medellín.

Herztod statt Mord

Im Kampf dagegen habe Antioquia "als erste Region, nicht Gesamtstaat der Welt" ein Abkommen mit dem UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien geschlossen. Ein Jahr nach der Unterzeichnung kam Gaviria nach Wien, um über Fortschritte, etwa bei der Eindämmung von Gewalt, zu berichten: "Gab es im Jahr 2000 noch 8500 Morde im Umfeld von Drogen, Kriminalität und Terror, so waren es 2005 nur noch 3300." Zum ersten Mal seit Menschengedenken sei nicht mehr Mord, sondern Herzinfarkt die häufigste Todesursache in Antioquia gewesen. Und auch die Zahl der Entführungen, sagt Gaviria, sei von 300 auf rund 20 pro Jahr zurückgegangen. Allerdings treffe die Gewalt noch immer alle Schichten.

Im Mai 2003 wurde sein eigener Bruder, der damalige Gouverneur Guillermo Gaviria, nach seiner Entführung und einjähriger Geiselhaft, von der Guerillaarmee Farc ermordet. Er sei ausgerechnet bei einem ohne Bewacher unternommenen Marsch für Gewaltlosigkeit entführt worden. "Für mich war das auch eine Demonstration der Farc, das sie keinen anderen Weg als den der Gewalt kennt", sagt Anibal Gaviria.

Danach hätten erstmals alle politischen Parteien - seine Liberalen, aber auch die Konservativen und der linke Polo democratico - für ihn als Nachfolger gestimmt. Der gelernte Betriebswirt und Spross einer Unternehmerfamilie (Viehzucht, Molkereien) setze den von seinem Bruder begonnenen Entwicklungsplan fort.

Fünfzig Prozent der Bevölkerung sind arm, viele sehen ihre einzige Überlebenschancen im Drogengeschäft.

Gavirias Provinzregierung unternimmt dagegen Reformschritte wie ein Ernährungsprogramm für Kleinkinder. "2001 sind in Antioquia 182 Kinder an Unterernährung gestorben, heuer waren es bisher zwölf und bald wird die Zahl auf null sein." Gaviria hat noch etliche Statistiken bereit, um die positive Entwicklung zu demonstrieren: Die Zahl der Bewohner, die über eine Basis-Krankenversicherung verfügen, hat sich auf 2,8 Millionen mehr als verdoppelt; in vier Jahren werden 100.000 Sozialwohnungen gebaut.

Und doch warnt Gaviria dann, dass trotz aller Zerstörung der Anbauflächen, die auch von der EU gefördert wird, der Kampf gegen die Drogen weitergeht: "Die Welt droht diesen Krieg zu verlieren." Solange in den industrialisierten Staaten die Nachfrage nach Drogen ungebremst bestehe, werde Kokain erzeugt, das "in Kolumbien der Treibstoff der Gewalt" sei.

Trotzdem kann Gaviria auch beim Image Fortschritte verbuchen. So steht der in Medellín geborene Latino-Weltstar Juanes für ein anderes Kolumbien-Bild. Und das jedes Jahr in Medellín veranstaltete internationale Poesie-Festival wurde heuer mit einem alternativen Nobelpreis prämiert. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anibal Gaviria auf einem der Märsche für Gewaltfreiheit, mit denen 2004 sein Bruder Guillermo begann und bei dem er von der Guerrilla entführt wurde.

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