Australiens Premier gibt Klimawandel zu

18. Oktober 2006, 19:03
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Regierung wegen extremer Dürre im Land unter Druck - Atomstrom in Aussicht gestellt

Überraschend hat sich dieser Tage die politische Rhetorik in Australien geändert: Zum ersten Mal akzeptierte Premierminister John Howard offiziell das Phänomen des Klimawandels. Die Dürre, unter der weite Teile des Kontinents seit mehr als fünf Jahren leiden, sei ein Hinweis auf das Problem, das die Welt "mit klimatischer Veränderung" habe.

Bisher galt der erzkonservative Regierungschef als vehementer Kritiker der Theorie, wonach große Teile der Welt unter einer existenzbedrohenden Änderung des Klimas leiden. Wissenschaftliche Prognosen, denen zufolge der Schaden an der Umwelt schon in wenigen Jahrzehnten nicht mehr rückgängig gemacht werden könne, kritisierte er bisher als "alarmistisch".

Australien hat nicht nur den größten Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen in der westlichen Welt. Es ist eines der wenigen Länder, deren Regierungen das Kioto-Protokoll nicht unterzeichnet haben. Ein solcher Schritt würde die von billigem Strom abhängige australische Industrie benachteiligen, sagt Howard.

Australien hat Kohlevorräte für mehr als 700 Jahre im Boden und produziert den Großteil seiner Energie mit diesem umweltschädlichen Rohstoff. Außerdem ist Kohle eines der wichtigsten Exportprodukte.

Einige der Kommentatoren nannten den scheinbaren Gesinnungswandel "erstaunlich"; andere verwiesen auf Umfragen, wonach die Wähler Umweltfragen immer wichtiger nehmen. 2007 finden Parlamentswahlen statt, Howard will in seinem elften Regierungsjahr auch die gewinnen.

"Sauberer Atomstrom"

Seit einiger Zeit scheint die Regierung an die Einführung von Atomstrom zu denken. "Nuklearer Strom ist sauber. Ich weiß nicht, weshalb extreme Grüne dagegen sind", sagte Howard vor Kurzem. Australien betreibt keine Atommeiler, ist aber einer der wichtigsten Förderer von Uran.

Harsche Kritik an der Umweltpolitik Howards hagelte es inzwischen von der Seite des kanadischen Wissenschafters und Umweltexperten David Suzuki. Mit der Verweigerung des Kioto-Protokolls habe sich Australien selber zu einem "internationalen Geächteten" erklärt, sagt er.

Die Erkenntnis der Regierung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem immer größere Teile des Landes von einer extremen Dürreperiode betroffen sind. Zum Wochenbeginn kündigte die Regierung ein mehrere hundert Millionen Dollar schweres Hilfspaket für Landwirte an, die erneut mit dem Verlust ihrer Ernte rechnen müssen und vor dem Konkurs stehen.

Die meisten Farmen werden mit europäischen Methoden bewirtschaftet, die sich für die in weiten Teilen Australiens wenig produktive Erde kaum eignen. Eine Forderung von Experten, solche Farmen mit Steuergeld aufzukaufen und stillzulegen, wurde von der Regierung mit dem Vorwurf abgelehnt, dies sei "landwirtschaftlicher Völkermord". (Urs Wälterlin aus Canberra, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2006)

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    "Schwimmen verboten" in australischen Landesteilen, wo sich das Wasser durch die Dürre zurückgezogen hat - nun hält auch Premier Howard den Klimawandel für real.

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