Musikalische Beitrittsargumente

18. Oktober 2006, 18:54
posten

Türkische Orchesterkultur in Brüssel

Brüssel - Um die Türkei bezüglich der EU-Beitrittsverhandlungen zu unterstützen, lud Tüsiad, eine Vereinigung türkischer Industrieller und Wirtschaftstreibender, zur "turkey@europe_week" nach Brüssel. Es sei das vorrangige Ziel, so Ömer Sabanci, Präsident der Organisation, den "Kampf" um die Köpfe und die Herzen der europäischen Öffentlichkeit zu gewinnen - auch mit Mitteln der Musik, denn mit dabei war auch das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.

Dass sich die Türkei bei diesem Event als europäischer Staat präsentieren würde, war zu erwarten. Strenger Business-Look und elegant gekleidete Damen (natürlich ohne Kopftuch) prägten das Bild der Konferenzen und Meetings. Neben diesem bei bilateralen Treffen ohnehin selbstverständlichen Auftreten war mit dem Konzert des BIFO, das sich hinsichtlich Spiel- und Klangkultur nicht hinter professionellen Orchestern aus dem europäischen oder ame-rikanischen Raum zu verstecken braucht, im Brüsseler Palais des Beaux-Arts aber auch ein kultureller Part zu erleben.

Dass sich die Türkei als Grenzland zwischen Orient und Okzident mit seinen mehr als vierzig ethnischen Gruppen auch durch ein Orchester europäischer Prägung präsentiert, welches neben einem türkischen Komponisten (Ferit Tüzün), Mozart und Schubert spielt, mag vordergründig vielleicht überraschen.

Betrachtet man jedoch die türkische Musikgeschichte, so sind klassische Orchester laut Gürer Aykal, dem Chefdirigenten des BIFO, bereits seit 1824 Bestandteil der türkischen Musik. Getragen wird das Orchester zu hundert Prozent von der Borusan Holding, einem international tätigen türkischen Konzern in der Stahl-, Logistik-, Vertriebs- und Telekommunikationsbranche. Dass sich wirtschaftliche und künstlerische Inter-essen hier mischen, zeigt unter anderem das Programmheft, ein Hochglanz-Company-Prospekt, in dem im hinteren Teil lediglich die Werktitel sowie einzelne Biografien angegeben werden.

Sehr stimmig

Der 1993 als Kammerorchester gegründete und 1999 zum großen Orchester ausgebaute Klangkörper ist, qualitativ betrachtet, jedoch ein außergewöhnliches Werksorchester. Spricht man mit den Musikern, so wird neben dem westlichen Standards entsprechenden organisatorischen Hintergrund vor allem die gute Ausbildung in den Konservatorien in Istanbul, Ankara oder Izmir betont.

Tongebung und Intonation sind ausgesprochen sauber, der Orchesterklang ausbalanciert und stimmig. Schubert wird mit viel Verve und markigem Drive in den Ecksätzen gespielt, bei Mozart (Solistin war die amerikanisch-finnische Geigerin Elina Vähälä) schwingt dagegen noch ein stark romantisierender Interpretationsstil mit viel Vibrato und breiten Tempi mit.

Ob mit Schubert und Mozart, die laut Ahmet Kocabi-yikx, dem CEO der Borusan Holding, auch in der Türkei sehr beliebte Komponisten sind, auch die Herzen der europäischen Öffentlichkeit gewonnen werden können, wird die Zukunft zeigen. Dass die Türkei aber auch im Konzert der europäisch geprägten Musikkultur mitspielen kann, hat sie nicht zuletzt in Brüssel eindrucksvoll unter Beweis gestellt. (Robert Spoula aus Brüssel / DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2006)

Share if you care.