Wie eine Tigerkatze, die in der Sonne liegt: Martina Gedeck im STANDARD-Interview über "Sommer 04 an der Schlei"

19. Oktober 2006, 02:43
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In "Sommer 04 an der Schlei" verkörpert sie eine scheinbar glücklich verheiratete Frau, deren Leben schleichend aus den Fugen gerät

STANDARD: Frau Gedeck, in "Sommer 04 an der Schlei" finden sich Elemente eines Thrillers. Der Fokus liegt aber auf einem familiären Beziehungsgeflecht. Wie sehen Sie das?

Martina Gedeck: Das geht mir genauso. Für mich war es von Beginn an ein Thriller, ein versteckter. Der kommt verkleidet daher, als Wolf im Schafspelz, wenn man so will. Ich war schon beim Lesen gespannt, was passiert, und zugleich verwundert, weil diese Figuren eigentlich ja überschaubar sind. Warum weiß ich trotzdem nicht, was sie sagen und was sie tun? Ich hatte selten bei einem Film das Gefühl, dass ich das Material nicht wirklich im Griff habe. Ich sah das Ganze nicht. Miriam ist jemand, der stark im Moment existiert. Sie hat fast keine Perspektive auf Vergangenes oder auf Zukünftiges.

STANDARD: Wie haben Sie dieses Gefühl produktiv gemacht?

Gedeck: Es hat mich nicht beunruhigt. Darin liegt für mich das Moderne an diesem Film: Dass ich angstfrei war, als Miriam angstfrei sein konnte. Ich dachte, der kann nichts Schlimmes passieren, denn sie steckt in keinen Abhängigkeiten fest. Dennoch habe ich mich bis zum Ende gefragt, was das für ein Film wird. Irgendwie, dachte ich, werden sie mich ausgetrickst haben. Das war seltsam, weil es keinen Grund dafür gab.

STANDARD: Im Unterschied zu einem Thriller hebt der Film ja Szenen hervor, die sonst unter den Tisch fallen würden.

Gedeck: Ich habe erst bei der Premiere in Berlin erfahren, dass Stefan Krohmer seinen Autor Daniel Nocke gefragt hat, ob er nicht mal etwas schreiben will, worauf er wirklich Lust hat. Er hat, wie Sie sagen, Szenen herausgearbeitet, die sonst vernachlässigt werden. Uns interessiert eben nicht der Nervenzusammenbruch von Miriam nach dem Unfall des Mädchens, auch nicht die quälenden Schuldgefühle oder die großen Aussprachen - diese ganze Pseudodramatik.

STANDARD: Gibt es diese emotionalen Seiten an Miriam trotzdem? Sind sie einfach nur nicht sichtbar?

Gedeck: Ich finde nicht, dass sie eine kalte Frau ist, im Gegenteil. Ich glaube, dass die drei Familienmitglieder einen sehr erprobten Umgang miteinander pflegen. Das muss man als gegeben hinnehmen, das ist etwas, wofür wir keine Einflugschneise geboten kriegen. Dieser lakonisch-ironische Umgangston ist für diese Familie exemplarisch. Man spricht nicht über große Gefühle, im Gegenteil: Jeder weiß eigentlich um den anderen.

Ich glaube jedoch, dass Miriam mit Sicherheit auch emotional ist. Das kann gar nicht anders sein. Ich sehe sie in dem Moment, wo sie auf dem Wasser gegen die Elemente ankämpft und Angst um das Leben des Kindes hat. Ich sehe sie in den Liebesszenen als sehr verzweifelt, aufgebrochen und leidenschaftlich.

STANDARD: Aber es ist doch eine eher gezähmte Leidenschaft ...

Gedeck: Ja, es ist wie bei einer großen Tigerkatze, die faul in der Sonne liegt und die sich eigentlich nicht groß anstrengen muss. Sie weiß, sie kann jederzeit auch anders. Dieses Anstrengungslose hat mir an dieser Figur so gut gefallen. Aber die Kraft ist auch da.

STANDARD: Eine Rolle wie die der Miriam ist im gegenwärtigen deutschen Kino eher selten. Hat Sie Miriams Bewegung weg von der Gewohnheit gereizt?

Gedeck: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es etwas gibt, was in Sicherheit gebracht werden kann. Zu glauben, dass man sich sein Leben baut, und dann bewegt es sich in diesen Bahnen. Leider, es wäre natürlich sehr schön, und bei manchen Menschen ist es ja auch so, erstaunlicherweise - es gibt diesen Moment, wo man sich ein bisschen ausruhen möchte, sich sagt, ich habe jetzt eigentlich viel gesehen, viel erlebt, ich bin froh. Es findet sich kein zwingender Grund auszubrechen.

STANDARD: Aber es gibt diesen Riss im Inneren, wie bei einer Figur von F. Scott Fitzgerald ...

Gedeck: Ja, das hat mich an den Fitzgerald-Geschichten schon immer interessiert. Diese Alltäglichkeit, wo mit einem Mal ganz unterschiedliche Ebenen da sind. Diese Frau erschließt sich mir auf eine vollkommen neue Weise ¬- das hat mich schon gereizt, wobei ich natürlich mich, meine Generation und auch Miriam nicht mit Abstand betrachten kann.

STANDARD: Sie haben zuletzt in "Das Leben der anderen" oder in "Elementarteilchen" auch ganz andere Rollen gespielt.

Gedeck: Ja. Wobei ich bei Miriam die größte innere Freiheit hatte. Sie braucht diese Verkleidungen nicht. Die zwei Jahre waren sehr spannend. Drei völlig unterschiedliche Regisseure und Konzepte. Da ein eiskalter Houellebecq, der durch Roehler eine Zärtlichkeit bekommt. Das Leben der anderen ist dagegen weniger modern, als man glauben könnte. Das ist zwar endlich ein Film über die neuere Geschichte Deutschlands, aber er ist auch genrehaft. Das ist dafür vielleicht genau richtig. Er macht jetzt weltweit Furore, und jeder kann ihn verstehen. (Interview: Dominik Kamalzadeh /DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2006)

Rezension:
Gegenwind bringt Schieflage

Zur Person
Martina Gedeck
, 1961 in München geboren, studierte Schauspiel in Berlin. In kurzer Zeit wurde sie zur gefragten TV- und Filmaktrice und spielte unter Regisseuren wie Dominik Graf, Oskar Roehler oder Helmut Dietl. Zuletzt drehte sie mit Robert De Niro.
  • Segel setzen und eine neue Richtung einschlagen: Miriam (Martina Gedeck) schert in Stefan Krohmers "Sommer 04 an der Schlei" aus der Gewohnheit aus.
    foto: filmladen

    Segel setzen und eine neue Richtung einschlagen: Miriam (Martina Gedeck) schert in Stefan Krohmers "Sommer 04 an der Schlei" aus der Gewohnheit aus.

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