Pflege: "Regierung soll Anreize schaffen"

28. November 2006, 11:21
1 Posting

Das Thema Pflege und die privaten Vorsorgemöglichkeiten wurden lange Zeit von Versicherungskunden nicht beachtet

Das Thema Pflege und die privaten Vorsorge-möglichkeiten wurden lange Zeit von Versicherungskunden nicht beachtet. Warum sich das jetzt ändert, erklärt Hans-Ulrich Brockhaus, Vorstandsmitglied der Quelle Versicherung, im Gespräch mit Bettina Pfluger.

***

Standard: Die private Pflegevorsorge gilt als Stiefkind der Versicherungen. Warum?

Brockhaus: Der Bereich Pflege wurde bisher sehr oft innerhalb der Familie übernommen. Hier findet jedoch ein Wandel statt. Heute gibt es viele Singlehaushalte, die Familie als Rückhalt verliert an Bedeutung. Auch wollen viele Menschen die Verantwortung, die Pflege mit sich bringt, nicht mehr übernehmen. Zudem sind viele Frauen, die ja zumeist die Pflege übernehmen, heute berufstätig. Die Inanspruchnahme externer Hilfe und das Bewusstsein darüber steigen.

Standard: Merken Sie das bereits an der Zahl der Abschlüsse für eine Pflegeversicherung?

Brockhaus: Noch nicht wirklich. Aber die Anfragen zu dem Thema steigen deutlich. Vor allem ist festzustellen, dass viele Menschen verunsichert sind, ob und wie sie vorsorgen können und sollen.

Standard: Was raten Sie diesen Menschen?

Brockhaus: Prinzipiell soll man sich gegen jene Risiken absichern, deren Eintreffen als Katastrophe eingestuft wird. Ein Familienvater kann seine Familie etwa finanziell durch eine Lebensversicherung absichern. Im Bereich Pflege muss man differenzieren, welches Leistungsspektrum man abdecken möchte.

Standard: Was bedeutet das?

Brockhaus: In der Pflegeversicherung werden sieben Leistungsstufen unterschieden. Diese werden berechnet nach dem Pflegeaufwand, den bestimmte Krankheiten mit sich bringen. Ein Versicherungsnehmer muss sich also überlegen, ab welcher Pflegestufe er keinen privaten Rückhalt mehr hat und daher auf eine Versicherung zurückgreifen möchte.

Standard: Was kostet eine private Pflegevorsorge?

Brockhaus: Das kann so pauschal nicht beantwortet werden. Die Prämie wird individuell berechnet und richtet sich nach den Ansprüchen, die der Kunde abgedeckt wissen will. Prinzipiell gilt, je jünger man beim Abschluss der Versicherung ist, desto geringer sind die Prämien.

Standard: In Österreich stand das Thema Pflege zuletzt durch die Debatte um illegale Pflegekräfte im Mittelpunkt ...

Brockhaus: Hier zeigt sich deutlich, dass der stetig zunehmende Pflegebedarf nicht mehr im familiären Bereich abgedeckt werden kann. Vor allem, wenn zur Pflege eine medizinische Betreuung hinzukommt. Hier muss gehandelt werden.

Standard: Was würden Sie auf einen 'Wunschzettel an die neue Regierung' schreiben?

Brockhaus: Dass sie Anreize für eine private Pflegevorsorge schafft, ähnlich dem Modell für die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge. Eine reine Legalisierung der jetzt illegalen Pflegekräfte löst das Problem nicht.

Standard: IHS-Chef Bernhard Felderer hat in einem Interview mit dem Standard eine Pflichtversicherung für Freizeitunfälle gefordert und eine Prämienerhöhung für Raucher ...

Brockhaus: Davon halte ich gar nichts. Solche Aussagen sorgen auch für viel Unsicherheit. Der Staat wird mit seiner pauschalen Versicherungspflicht der individuellen Risiko- und Einkommenssituation der Verbraucher aber nicht gerecht und solche Debatten schüren die Unsicherheit in der Bevölkerung zur notwendigen privaten Vorsorge. Statt pauschaler Versicherungspflicht wäre hier die Förderung der privaten Eigenvorsorge sinnvoller. Jedes mögliche Risiko abzudecken, erachte ich aber nicht als sinnvoll. Im Laufe eines Lebens muss man sich immer wieder sein persönliches Risikoprofil anschauen. Denn viele Risiken verschwinden mit der Zeit aus der Biografie, dafür kommen neue hinzu. Vor allem jene Risiken, die auch durch Fremdverschulden entstehen können, sollten abgedeckt werden, etwa Unfälle. Ein laufender Risikocheck ist daher sehr wichtig.

ZUR PERSON: Hans-Ulrich Brockhaus (45) ist seit März 1999 Mitglied des Vorstandes der Quelle Lebensversicherung AG. Zuvor war der vierfache Vater Bereichsdirektor Marketing/Vertrieb bei Delfin Direkt Versicherungen. Brockhaus hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Stuttgart-Hohenheim studiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2006)

  • Der gesellschaftliche Wandel bringe es mit sich, dass im Bereich Pflege ein Umdenken stattfinden wird, ist Hans-Ulrich Brockhaus sicher.
    foto: wilke mediendienst

    Der gesellschaftliche Wandel bringe es mit sich, dass im Bereich Pflege ein Umdenken stattfinden wird, ist Hans-Ulrich Brockhaus sicher.

Share if you care.