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Ascher (Hanno Pöschl) ist auf der Flucht. Ein Kunstfehler hat den Arzt aus der Stadt in ein kleines Dorf auf dem Land getrieben, wo er sich, nunmehr ein Fremder, aus seinen bisherigen Lebenszusammenhängen befreien und mit seiner Schuld konfrontieren will. Der Nebel liegt bei seiner Ankunft wie eine schwere Decke über der Landschaft. Was Ascher wahrnimmt, wenn sich dieser lichtet, was er vom einfachen Leben der Menschen hier erhascht und wie sich diese Eindrücke schließlich auf seine existenzielle Krise auswirken – davon erzählt Xaver Schwarzenbergers Regiedebüt Der Stille Ozean aus dem Jahr 1983, ein Fernsehfilm nach Gerhard Roths gleichnamigem Roman.
Krankheit, Tod und Gewalt – von Beginn an sind dies die bestimmenden Motive des Films. Aschers moralisches Dilemma, – er versucht sich der Verantwortung für sein Handeln zu stellen –, stößt hier auf dem Land auf eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Endlichkeit allen Lebens.
Die Männer gehen zur Jagd – Schwarzenberger montiert die vom Himmel fallenden Vögel als Serie visueller Irritationen –, später werden sie mit ähnlich gleichmütiger Entschlossenheit tollwütige Füchse, am Ende gar einen Mörder hetzen. Ascher bleibt diesem Geschehen gegenüber unbeteiligt – ein existenzialistischer Held, der aus der Welt gefallen ist. Einmal sieht man ihn bei der Lektüre von Camus’ Der Fremde, dessen Figur Mersault von einer vergleichbaren Leere befallen ist.
Schwarzenberger arbeitet insgesamt einem dramatischen Sog entgegen. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind sorgfältig wie Stillleben arrangiert, und die Kamera rückt immer wieder von den Figuren ab oder filmt sie hinter verschlossenen Fenstern. Der innere Rückzug Aschers – von seinen Überlegungen erfährt man allein über die Voice-Over – wird auf diese Weise vor allem bildlich zum Ausdruck gebracht.
Er versucht sich als Biologe und geht den Dingen mitdemMikroskop auf den Grund – eine Wahrnehmungsform, die den Betrachter aus seinem Umfeld löst. Den Menschen im Dorf kommt Ascher damit allerdings nur zögerlich nahe. Es ist eher so, dass diese sich an ihn wenden, wenn sie seinen ärztlichen Rat suchen und ihn damit sukzessive aus seiner Isolation locken. Neben der Auslotung von Aschers Krise wird Der Stille Ozean damit aber auch zur ungeschönten Beschreibung des Dorfalltags – entgegengesetzt zum idealisierenden Tonfall des Heimatfilms. Das Töten aufgrund der um sich greifenden Tollwut sowie die Morde eines „Gerechtigkeitsfanatikers“ sind nur die extremeren Ausläufer einer kaum verborgenen Gewaltbereitschaft.
Die harten Gesichtszüge der Witwe Egger (Maria Emo) zeugen auch von der Gefühlskälte im zwischenmenschlichen Bereich. Ascher kann diesem Spiel elementarer Kräfte nichts entgegensetzen. Er kann es nur verweigern – und ergreift wiederum die Flucht.
Dominik Kamalzadeh, Kulturjournalist und Filmkritiker; Redaktionsmitglied von „kolik.film“.
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