Aus der Unterwelt

30. November 2006, 19:31
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„Schamlos“: ein Übergangsphänomen

Ich heiße Alexander Pohlmann, ich bin 20 Jahre alt. Ich stamme aus einer kleinen, miesen Zirkusfamilie. Ich war Messerwerfer und Kunstschütze. Mit 15 Jahren hatte ich die Schnauze voll und haute ab. In der Großstadt habe ich mir eine junge Gang aufgebaut. Wir haben Verträge mit einer Menge Lokale und Geschäfte. Wir beschützen sie. Wir kassieren nicht schlecht dabei. Außerdem haben wir ein paar Bienen laufen. Aber dann traf ich Annabella und da fing der ganze Mist an. Annabella ist Strip-Tänzerin und so.

 

Sie ist heiß wie ’ne leer geschossene MP." Mit diesem Monolog des Ich-Erzählers und Hauptdarstellers, gespielt von einem blutjungen und ebenfalls sehr heißen Udo Kier, beginnt und endet der 1968 entstandene „Sexkrimi“ Schamlos von Eddy Saller. Der Monolog skizziert auch den Plot. Handlungsort ist die Großstadt, konkret die so genannte Unterwelt; ein Schauplatz der (Frauen-)Körper, den Marina Paal in der Figur der Annabella Romanelli durchaus stark, mit (Pop-)Starqualität ausfüllt.

Meist ist es Nacht. Bars oder Strip- Clubs in denen junge Menschen zu Beat-Musik tanzen, Wohnwägen, die als Vorstadt-Puff fungieren, das großbürgerliche Appartement eines homosexuellen Schauspielers oder kahle, verrottete Kellerräume – in einem davon tagt ein Unterwelt-Gericht über die Schuldfrage an einem Frauenmord – liefern die Kulisse. Dabei folgt Schamlos keinem geradlinigen Plot, sondern erzählt in schnell, collagenartig montierten Bildern, meist über Rückblenden eine Geschichte, die immer wieder überraschende, mitunter auch verwirrende Richtungen einschlägt.

Saller interessiert weniger eine kohärente Narration. Ausdrucksstarke Bildattraktionen prägen eine Form des Realismus, die durch attraktive dramaturgische und formalästhetische Einschübe etwa mit Dias, Fotos und Schmalspur-Filmen ergänzt wird. Besonders ein in die Erzählung integriertes aktionistisches Happening von Otto Mühl sticht – auch durch die filmische Materialität – hervor: Körper, die in Ei, Federn und Mehl gewälzt und bearbeitet werden; zuckende Gesichter, unterlegt mit einer sehr experimentellen Tonspur.

Schamlos steht im Übergang vom Aufklärungsfilm der Nachkriegsjahre zum Sexfilm, zwischen den Teen-Crime-Movies der 1950er/1960er-Jahre und der Erotikwelle der 1970er-Jahre, die sukzessive über die Kinoleinwände hereinbrach. Sallers eigenwillige, in Schwarzweiß gedrehte, filmische Kolportage besetzt also einen Raum dazwischen, der rückblickend hier zu Lande Seltenheitswert genießt. Er filmt vom kapitalschwachen Rand einer im Argen liegenden österreichischen Filmwirtschaft aus, will unterhalten und scheut auch nicht die Nähe zum Kommerz.

Nach Schamlos führte Eddy Saller allerdings nur noch bei wenig inspirierenden, meist simplen Sexfilmen Regie. Ein Schicksal, das er mit manchem Filmschaffenden, nicht nur in Österreich und nicht nur damals, teilt.

Dietmar Schwärzler, Medienvermittler und freier Kurator; Mitarbeiter von sixpackfilm

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